Dr. Thomas Tartsch
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2. Teil des Interviews zu meinem neuen Jihadbuch
26.01.2010 21:57:29

Hier nun der 2. Teil des ausführlichen Interviews, welches die österreichische Buchautorin Frau Michaela Thanheuser mit mir geführt hat. Weitere Informationen zum Buch sind auf der eigens dafür eingerichteten Homepage abrufbar.





„Ich rieche Blut und ein Zeitalter berühmter Wahnsinniger“


[Wystan Hugh Auden]


 


Das von Politikern, Wissenschaftlern und Meinungsbildnern so gerne und viel zitierte Vokabel und Schlagwort „Islamismus“ wird von Ihnen ad absurdum geführt?



Ich würde eher sagen, ich beende eine sinnlose Diskussion bezüglich der Trennung in Islamismus und Islam. Islamismus besitzt als nichtwissenschaftlicher Begriff nur zwei Funktionen. Zum einen stellt er einen Arbeitsbegriff zur Aufgabenerfüllung der Sicherheitsbehörden des administrativen Verfassungsschutzes dar, die zwischen „militanten“ und „taktischen“ Islamismus unterscheiden. Und er kann als Abgrenzungsbegriff innerhalb der neueren islamischen Historie dienen, als Atatürk 1924 fast genau 1300 Jahre nach Badr neben dem Sultanat auch das Kalifat abschaffte, was trotz der realen Bedeutungslosigkeit zu einem Identitätsverlust in der islamischen Welt und zu Gründungen von Reformbewegungen wie der ägyptischen Muslimbruderschaft führte. Die Bruderschaft propagiert auch heute noch die globale Errichtung einer islamischen Ordnung an, wozu sie durch eine „Islamisierung von unten“ wie in Ägypten die Beteiligung an der politischen Macht anstrebt, um eine „Islamisierung von oben“ durchzuführen. Auf der anderen Seite will sie durch Infiltration sozialer Netzwerke und Kontrolle über Moscheen islamische Submilieus innerhalb von westlichen Gesellschaften installieren. Diese Strategie wird auch von dem Mitte Januar 2010 gewählten achten „al-murshid al-'amm“ (obersten Führer) der Muslimbruderschaft Dr. Muhammad Badie (geb. 1943) weitergeführt werden, der sich offen für die Orientierung der MB an den „konservativen Idealen“ von Sayyid Qutb ausgesprochen hat. Nicht verwunderlich, da Dr. Badie zu der Generation gehört, die durch die Verfolgung der Muslimbrüder durch das Regime von Ǧamāl ʿAbd an-Nāṣir geprägt wurden und für die Qutb schon durch seine Hinrichtung  1966 einen Märtyrerstatus besitzt. Ebenso hat HAMAS ihre Unterstützung für Dr. Badie erklärt, wobei HAMAS und die Muslimbruderschaft durch ein Fundraising Network verwoben sind, durch das der karitative und der jihadistische Arm Katā’ib aš-Šahīb ’Izz ad-Dīn al-Qassām der HAMAS finanziert wird.


Ab dem arabischen Aufstand von 1936-1939 (und nicht erst seit 1948) fand dann etwa auch der eliminatorische Judenhass, der den religiösen Antagonismus ideologisch auflud, weite Verbreitung in islamischen Kreisen, der Schnittmengen mit Hitlers rechten und linken Erben in Form des klassischen biologistischen Antisemitismus und dem politisch motivierten Antizionismus besitzt, da abseits aller akademischer Wortklauberei im Elfenbeinturm alle drei Ausprägungen die Auslöschung Israels befürworten und anstreben. Schon durch den als „Großmufti von Jerusalem“ bekannten Muammad Amīn al-usainī, der unter anderem für die 13. Waffen-Gebirgs-Division der SS „Handschar“ (kroatische Nr. 1) muslimische Freiwillige rekrutierte, ergab sich eine Zusammenarbeit zwischen Nationalsozialismus und eliminatorischen Judenhass, da al-usainī nach einem Sieg des Nationalsozialismus die Shoah in Palästina durchführen wollte, was viele nicht wissen. Wie die muslimischen Hassdemonstrationen Anfang 2009 gegen die Militäroperation der Zahal gegen die HAMAS gezeigt haben, breitet sich dieser eliminatorische Judenhass auch in Deutschland immer mehr in der islamischen Teilgesellschaft aus, was in Israel sehr genau beobachtet wird. Man sollte den Begriff „Islamismus“ nur in diesen zwei Fällen verwenden und ihn ansonsten vermeiden, da er etwas konstruiert, was in der Realität nicht existiert.


 



Beugt sich die Türkei dem Integrations- und Assimilationsprozess Europas, oder verfolgt sie nur ihre eigenen nationalen Interessen?



Abseits multikultureller Apartheidsfanatiker und apodiktischer Beschwörung von Assimilation stellt Integration einen intergenerativen und ergebnisoffenen Prozess dar, wobei idealiter Assimilation der Integration folgt. Assimilation selbst bezeichnet  als letzte Stufe die Identifikation mit der Aufnahmegesellschaft, wobei hier insbesondere auf den Grad der Aufgabe oder Beibehaltung „kultureller Besonderheiten“, politischer Loyalitäten und atavistischer Normen- und Wertestrukturen  abgestellt werden sollte, wenn man etwa an Zwangsheiraten und „Ehrenmorde“ oder die Lobbyarbeit der sunnitisch-türkischen Dachverbände wie DİTİB als Auslandsableger des Diyanet İşleri Başkanlığı (DIB) als Maßstab nimmt. Dabei ist die Türkei nicht erst seit Erdoğan auf dem Weg zu einem islamischen Land, da sich der Kemalismus durch den frühen Tod von Atatürk und der Einführung des Mehrparteiensystems nach dem zweiten Weltkrieg beständig auf dem Rückzug befand und befindet. Außenpolitisch kann man die Türkei nicht mehr als Verbündeten ansehen, da unter dem derzeitigen Außenminister Davutoğlu dessen Konzept der „Stratejik Derinlik“ (strategischen Tiefe) verfolgt wird, wodurch die Türkei in der Nachfolge des Osmanischen Imperiums zu einer regionalen islamischen Großmacht aufsteigen soll, was im Hinblick auf die Turkvölker noch einigen Sprengstoff beinhaltet, weil das die Interessen von China und Russland betreffen wird. Die Annäherung an den Iran, den Irak und Syrien bei gleichzeitiger gewollter Verschlechterung der Beziehungen zu Israel verdeutlicht dem aufmerksamen Beobachter, wohin sich die Türkei entwickelt. Dies ist mit einer jener Gründe, weshalb die Türkei kein Mitglied der EU werden sollte. Aber auch in Deutschland zeigt sich eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen dem türkischen Staat und Gruppen, wie mit der, hier von den Sicherheitsbehörden beobachteten, Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). So waren bei einem Empfang des türkischen Botschafters in Berlin zum 86. Jahrestag der Republik Türkei auch der Leiter der IGMG-Studentenabteilung und drei Berliner IGMG-Vorstandsmitglieder als Gäste anwesend. Ein Vorgang, den es früher nicht gegeben hätte. Aber der wachsende Einfluss der islamischen Bildungseinrichtungen der İmam hatip lisesi in der Türkei korrespondiert mit der wachsenden Islamisierung der Auslandstürken durch die Auslandsableger der DIB, die einst gegründet wurde, um kemalismusfeindliche religiöse Kräfte zu kontrollieren, da die Türkei kein laizistischer Staat ist, sondern die Religion unter staatlicher Kontrolle stand. Heute ist sie ein von staatlicher Seite üppig finanziertes machtvolles Instrument der türkischen Innen- und Außenpolitik, bis in die Moscheevereine der türkischen Diasporagemeinden hinein. Aber auch Projekte wie ein geplantes Studentenwohnheim in Münster durch die Millî Görüş wird nicht integrationsfördernd wirken, sondern soll türkischstämmige Studenten in Deutschland separieren und für die Auslegung der Religion der IGMG empfänglich machen, deren Ziel die Implantation einer diffusen „islamischen Identität“ unter den hier lebenden türkischstämmigen Muslimen darstellt.


 



Ihrer Meinung nach lassen sich Menschen türkischer Abstammung in Deutschland auf lange Sicht nicht demokratisch integrieren?



Dies wäre eine unzulässige Verallgemeinerung, da man damit Menschen aufgrund zweier zugeschriebener Merkmale (ethnischer Migrationshintergrund der Eltern oder Großeltern und formale Religionszugehörigkeit) als homogene Gruppe wahrnimmt und Ihnen per se absprechen würde, sich integrieren zu wollen. Damit begibt man sich auf das nicht vorhandene intellektuelle Niveau von multikulturellen Apartheitsfanatikern, die jede Kritik am bisherigen Dialog als „Rassismus“ bezeichnen, obwohl Religionszugehörigkeit keine Rasse generiert. Hier wird ein anthropologisch-biolgistischer Maßstab angelegt, der den typischen Gutmenschen als das entlarvt was er ist, anderen aber gerne vorwirft. Ein Rassist eben, der einem neokolonialen Herrenmenschendenken verhaftet ist, da Menschen mit Migrationshintergrund für ihn unmündige Kinder darstellen, die nicht für sich selbst sprechen können.


Die Gruppe der türkischen Menschen mit Migrationshintergrund stellt aber quantitativ nicht nur wegen der Einwanderungsgeschichte nach Deutschland die größte Problemgruppe dar, sondern weil viele der hier lebenden türkischstämmigen Menschen dem übersteigertem Nationalismus des von Atatürk eingeführten sozialen Konstruktes „Türkentum“ als sozialen Kitt verhaftet bleiben, welches den Zusammenhalt der jungen türkischen Republik sichern soll, und unter anderem die rigide kulturelle Heterogenitätspolitik gegen Aleviten und Kurden bis zum heutigen Tag erklärt. Man muss sich aber entscheiden, wem primär die Loyalität gilt: der Aufnahmegesellschaft oder der Herkunftsregion, zu der in der Regel kaum noch enge familiäre oder persönliche Kontakte bestehen. Gilt die Loyalität der Herkunftsregion, kann man kein deutscher Staatsbürger werden, da die Staatsbürgerschaft als integrierendes Mittel des Nationalstaates Rechte und Pflichten enthält. Und ein Recht entspringt immer noch der Befolgung von Pflichten. Wenn etwa der türkische Botschafter Ahmet Acet im November 2009 die hier lebenden Türken aufgefordert hat, für die generelle Einführung eines türkischen Sprachunterrichtes zu kämpfen, kann man das wohl kaum integrationsfördernd nennen. Es verdeutlicht vielmehr die Politik des türkischen Staates, die monogame Staatsloyalität der Auslandstürken zur Türkei zu konservieren, womit Desintegration vorprogrammiert ist, da die hier lebenden und hier geborenen Menschen mit türkischer Migrationgeschichte der Eltern und Großeltern sich gar nicht integrieren sollen. Erinnert sei an die Kölner Brandrede von Erdoğan im Februar 2008. Hier muss man auch die Entwicklungen im Auge behalten, die sich bei der Kommunalwahl in NRW gezeigt haben, als erste islamische Wählervereinigungen angetreten sind. In spätestens 10-15 Jahren muss man mit einer bundesweiten islamischen Partei rechnen, vor deren Gründung Sicherheitsbehörden schon vor Jahren gewarnt haben. Diese wird das Parteiengefüge in Deutschland grundlegend verändern, da viele derzeitige muslimische Mitglieder in deutschen Parteien zur neuen islamischen Partei wechseln werden. Mag man aus rationaler Wahlstimmenmaximierung noch so viele Zugeständnisse machen, die die Einführung shari’atischen Rechts forcieren.


 



Wieso denken Sie, dass die Migrationsforschung des Westens und deren Öffentlichkeitsarbeit gescheitert sind?



Die Migrationsforschung ist seit Jahrzehnten primär einem einseitigen auf eine – in der Regel – dominante Fremdgruppe und chronologischen Prozess verhaftet geblieben, wobei kognitive Assimilation (Spracherwerb) durch strukturelle (Arbeitsplatz) und soziale Integration (Kontakte zur Aufnahmegesellschaft) eingeleitet wird, die in identifikativer Assimilation mündet. Das hat sich als Wunschdenken herausgestellt und kann so nicht mehr vertreten werden, da die heutige hier geborene und sozialisierte dritte und vierte Generation von Menschen mit Migrationshintergrund bezüglich Sprach- und Bildungskompetenz immer mehr auf die Stufe der ersten „Gastarbeitergeneration“ zurückfällt. Da hat wenigstens noch die strukturelle Integration über den Arbeitsplatz zum größten Teil funktioniert, während man heute etwa fehlende Sprachkompetenz als „Kanaksprack“ in den Stand von Alltagskultur erhoben hat. Und diese Generationen ohne jegliche Zukunftsaussichten reproduzieren sich selbst, da die transnationale Heiratsmigration von Muslima, die ebenfalls keine Sprach- und Bildungskompetenzen besitzen, die vorhandenen Defizite konservieren und weitergeben. Dies umso mehr, als man die Frauen bruchlos in partriachalische Clan- und Familienstrukturen einbindet und ihnen verbietet, etwa die deutsche Sprache zu erlernen, womit bestehende Defizite an die Kinder weitergegeben werden.


Im Grunde hat die Migrationsforschung versagt und befindet sich heute auf einem ideologisierten Irrweg, der nur noch den idyllischen Multikulturalismus predigt, weil das Forschungsgelder und den Lebensunterhalt sichert. Keines der bisher angewandten europäischen Modelle hat nennenswerte integrative Erfolge erzielen können. Weder das englische Modell der „akzeptierten Differenz“, als Gewährung möglichst großer Autonomie mit der Hoffnung auf Entgeltung durch Loyalität gegenüber der Aufnahmegesellschaft. Noch das französische Modell der Vollintegration, durch automatische Verleihung der Staatsbürgerschaft bei Geburt als Verleugnung der Anwesenheit von Menschen mit fremder Kultur. Auch das niederländische „Polder Modell“, mit dem Ideal, Minderheitengruppen mit staatlicher Hilfe zu einer gleichberechtigten Position zu verhelfen, ist seit der Ermordung von Theo van Gogh als gescheitert anzusehen. Und Deutschland hat seit dem Anwerbestopp für ausländische „Gastarbeiter“ 1973 nie ernsthafte Anstrengungen unternommen, um Integration zu fördern. Die Folgen all dieser Versäumnisse schlagen nun mit voller Stärke zurück. Derzeit sehe ich keinen Ansatz, der in einem größeren Maße Integration fördern kann, weil das schon teilweise nicht gewollt ist.


 



Sind Sie ein Gegner des Multikulti-Denkens und des Dialogs?



Ich bin ein Gegner des inhaltslosen und nichtwissenschaftlichen Kampfbegriffes  multikulturelle Gesellschaft, da jede Gesellschaft in sich multikulturell ist und ein Gegner des bisherigen Monologes, der die westlichen Grund- und Menschenrechte im Namen einer selbstzerstörerischen Toleranz bedroht. Ich vertrete hier die Position von Carlo Schmid, einem der Väter des Grundgesetzes: „Man muss auch den Mut zur Intoleranz gegenüber denen aufbringt, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen.“


Der Multikulturalismus hat Züge einer Ersatzreligion angenommen, der auch den „Dialog“ mitbestimmt, wobei jegliche Kritik, entweder durch Stigmatisierung oder durch Verrechtlichung der Diskussion, wie bei Sarrazin und Buschkowsky, zu unterdrücken versucht wird, obwohl die Folgen der fehlgeschlagenen Integration nicht mehr zu übersehen sind. Außer man wohnt in den auch als Parallelgemeinschaften anzusehenden Luxusvierteln der Stadt, weitab von den sich verfestigenden Parallelgemeinschaften der Innenstädte, wo der behütete Nachwuchs Anne Sophie und Knut Torben Privatschulen besucht, damit er nicht mit dem von Rousseau beeinflussten Zerrbild des „edlen Wilden“ in Kontakt kommt, der aktuell an manchen Schulen 80%-90% der Schüler stellt. Eine ziemlich verlogene Empörungsmeute gutmenschlicher Realitätsverweigerer könnte man dazu sagen. Aldous Huxley hat das treffend charakterisiert: „Tatsachen schafft man nicht dadurch aus der Welt, dass man sie ignoriert.“


 



Wo würden Sie ansetzen, um eine Bewusstseinserweiterung unserer Politik und unseres Toleranzdenkens zu fördern?



Man muss die islamischen Dachverbände und Spitzenorganisationen als das wahrnehmen, was sie darstellen. Als Vertreter eines kleinen Ausschnittes der hier lebenden Muslime, die gar nicht „für den Islam“ sprechen können, sich aber in dieser Funktion bewusst öffentlich darstellen, was auch der Unterwerfung der nichtislamischen Dialogteilnehmer geschuldet ist, die den Forderungen nach angeblichen „islamspezifischen Sonderrechten“, wie dem Bau von repräsentativen Großmoscheen mit Kuppel und Minarett oder das Tragen des Kopftuches im öffentlichen Dienst, devot nachkommen, womit jede Erfüllung dieser Forderungen einen weiteren Schritt zur Einführung shari’atischen Rechts beinhaltet. Zum anderen sind sie von Entwicklungen in der islamischen Welt und Mutterorganisationen abhängige Akteure, die gesellschaftliche Einheiten nach innen bündeln und nach außen als aggregierte Interessen- und Wertegemeinschaft am öffentlichen Diskurs teilnehmen, wobei jede Kritik am Islam mit den Leerformeln „Islamophobie“ und „Rassismus“ stigmatisiert wird, was von den multikulturellen Apartheidsfanatikern noch nach Kräften unterstützt wird. Diese haben von der Materie zwar soviel Ahnung wie die Kuh vom Eislaufen, müssen aber ihre Ideologie verteidigen, weil es das einzige ist, was ihrem Selbsthass, den Hass auf die Gesellschaft und ihren Lebensunterhalt sichert. Man stelle sich vor, es würde eine Integration der Mehrheit der Muslime gelingen. Wo sollte man dann hin mit den nutzlos gewordenen Soziologen, Sozialpädagogen, Juristen, Orientalisten, Islamwissenschaftlern und vielen anderen mehr, die von der Desintegration gut leben? Sie würden die jetzt schon anwachsenden Schlangen vor den privaten Suppenküchen gewaltig anwachsen lassen.


 



Wie beurteilen Sie den Dialog und die Bemühungen, eine gemeinsame Basis des Westens und Ostens zu finden?



Der derzeitige Dialog ist gescheitert. Das ist eine ganz nüchternde Feststellung. Und man muss überlegen, wie man ihn als ergebnisoffenen Dialog neu aufnehmen kann. Wenn nötig, eben auch ohne die islamischen Dachverbände, die während der Islamkonferenz einen ihnen nicht zustehenden Rang erhalten haben, da man schon die bestehende islamische Heterogenität der ca. 4,2 Mio. hier in Deutschland lebenden Muslime so nicht abbilden kann, die von Ex-Muslimen bis zu Jihadisten reicht. Muslim selbst stellt ja erst einmal nichts anderes als eine Definition für einen Menschen dar, bei dessen Geburt der Vater Muslim war oder der konvertiert ist. Auch Islamisierung meint wertneutral die Feststellung eines wachsenden Anteils von Muslimen an der Gesamtgesellschaft durch die demographische Entwicklung und steigende Zahl von Konvertiten. Nun muss man die gegebene Diversität der Realität kategorisieren und die, durch die sich abzeichnende Veränderung der Gesellschaft, virulenten Konflikt- und Gefährdungspotentiale benennen, um diese entschärfen zu können. Wenn die politisch und gesellschaftlich Verantwortlichen aus Unwissenheit, Bequemlichkeit, falsch verstandener Toleranz, Wahlstimmenmaximierung und anderen Gründen untätig bleiben, ist das nicht mein Problem. Sondern es wird vielmehr ein großes Problem für die Kinder und Enkelkinder der jetzigen Generation werden.


 



Ist der Islam befähigt, die Deutsche oder andere europäische Verfassungen, anzuerkennen und sich einer westlichen demokratischen Ordnung zu unterwerfen? Wobei die Kopftuchfrage und wohl nur die Spitze eines Eisberges ist?



Als Vertreter der Prinzipien des säkularen Verfassungsstaates lebt dieser nach dem Dictum des ehemaligen Richters am Bundesverfassungsgericht Böckenförde von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Dies beinhaltet eben auch, dass alle Religionen in einer Minderheitenposition verbleiben müssen, da die verfasste Ordnung die Wurzeln verteidigen muss, auf denen die Gesellschaft aufgebaut ist. Das beutet nichts anderes als die Durchsetzung der elementaren Grundsätze der Verfassung, die auf jüdisch-christlichen Wurzeln beruhen. Das Grundgesetz, als Ausfluss historischer und oft blutig geführter Auseinandersetzungen, die rechtliche und politische Gleichheit gebracht haben, gerät in Gefahr, wenn es einer Religionsgruppe, im Namen einer, die staatliche Ordnung gefährdende, Hypertoleranz, erlaubt wird, Sonderrechte zu erlangen, die im Gegensatz zu fundamentalen Freiheits- und Gleichheitsrechten stehen.


Nehmen wir die Forderung nach dem Tragen des Kopftuches, wobei man schon aus dem Koran kein allgemeines Verhüllungsgebot herauslesen kann, sondern höchstens die Anmahnung nach dezenter Kleidung. Dieses angebliche Gebot der Pflicht der Verhüllung durch ein religiöses Kampfsymbol, das das Kopftuch seit der iranischen Revolution 1979 darstellt, soll auch in Deutschland, im Rahmen der Religionsfreiheit, durchgesetzt werden. Hier muss man sich fragen, warum man in der Regel vor und nach dem Koranunterricht in Moscheen schon jede Menge von sehr jungen Mädchen sieht, die das Kopftuch tragen, wobei selbst „fundamentalistische“ Internetseiten davon sprechen, dieses „erst“ ab 9 Jahren zu tragen, wenn die Pubertät einsetzt. In der öffentlichen Diskussion verlaufen die Argumente zwischen einem paternalistischen „die armen Geschöpfe unter dem Kopftuch“ und dem Geschwätz eines angeblichen „islamischen Feminismus unter dem Kopftuch“. Beides sind nicht sehr hilfreiche Argumente. Vielmehr fehlt es an einem allgemeinen Kopftuchverbot, vom Kindergarten an und im öffentlichen Dienst, da jede Muslima, die das Kopftuch trägt, bewusst oder unbewusst der Umwelt zeigt, wie sie sich bruchlos in die islamische Gemeinschaft einfügt. Aus diesem Grund kann sie es im privaten Bereich aus religiösen Gründen tragen, wenn sie es aus freiem Willen als religiöses Gebot ansieht, muss aber damit rechnen, keine Stelle im öffentlichen Dienst zu erhalten, da hier die staatliche Neutralität wie an Schulen gilt. Das ist ein vertretbarer Kollateralschaden, da etwa der Bildungsauftrag höher einzustufen ist als religiöse Befindlichkeiten. Aus diesem Grund verursachen schon die Handreichungen für Lehrer in NRW und Berlin Übelkeit, wo diesen angeraten wird, shari’atische Grundsätze, wie nach Geschlechtern getrennten Sportunterricht oder die faktische Erlaubnis des Kopftuches bei Muslima, im Unterricht zu dulden oder an der Durchsetzung mitzuwirken. Damit gibt man nicht nur der Forderung nach Einführung der Shari’a nach, sondern verrät auch diejenigen muslimischen Schüler und Schülerinnen, die ein selbstbestimmtes Leben führen wollen, jetzt aber verstärkt durch indoktrinierte Mitschüler unter Druck geraten. Aber das führt jetzt schon zu weit vom eigentlichen Thema weg.


 



Sie üben Kritik an den, Ihrer Meinung nach, gescheiterten Auslandseinsätzen der Bundeswehr und anderen Krieg führenden Kräften. Wie sieht eine zeitgemäße, der Situation angepasste, strategische Führung der Einsatzkräfte aus?



Im zweiten Teil meines Buches empfehle ich eine neue Counterinsurgency Strategie für die Auslandseinsätze der Bundeswehr, da diese als Instrument der staatlichen Interessensdurchsetzung vermehrt in politisch instabilen Regionen eingesetzt werden wird, wo, wie in Afghanistan, der innere Jihad ausgeübt wird. Wie der Afghanistaneinsatz zeigt, hat man bisher so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Der Einsatz zeigt seit Ende 2001 keinerlei anhaltenden Erfolg und hat sich für den Westen zu einem verlustreichen Abnutzungskrieg entwickelt. Auch wenn man die Quantität der Verluste der Sowjetarmee von rund 15.000 gefallenen Soldaten noch lange nicht erreicht hat, ist man mit jährlich steigenden Verlusten konfrontiert. So waren 2008 295 gefallene Soldaten zu verzeichnen, wobei 157 Soldaten Opfer von IED Sprengfallen wurden. 2009 stiegen die Verluste auf 521/275 Soldaten. Insgesamt sind bis zum 31.12.2009 1568 Soldaten in Afghanistan gefallen, wobei die Bundeswehr 34 gefallene Soldaten verzeichnet. Im Januar 2010 liegen die Zahlen [Stand 26.01.2010] bei 39/26, womit er den verlustreichsten Januar des ganzen Einsatzzeitraumes darstellt.


Der Krieg in Afghanistan ist militärisch nicht zu gewinnen. Verteidigungsminister zu Guttenberg war der erste Politiker, der endlich gesagt hat, dass Afghanistan nie zu einem Staat nach westlichem Demokratieverständnis werden wird. Man wünscht sich mehr solche Offenheit, da man lange genug den Krieg nicht als Krieg bezeichnet hat.


Seit 1945 hat der Westen nur in einem einzigen asymmetrischen Konflikt gewinnen können. Und das war im Kampf Großbritanniens gegen die IRA, weil man durch jahrelange Geduld und die Inkaufnahme eigener hoher Opferzahlen ein Austrocknen des Konfliktes ermöglicht hat. Ansonsten gerät jeder Konflikt, der unterhalb der Schwelle des Bombenkrieges ausgetragen wird, zu einem lang andauernden Abnutzungskrieg, da die militärische Überlegenheit des Westens auf militärischer Hochtechnologie basiert. Man müsste dann wie āfi al-Assad 1982 beim Massaker in der Stadt Hama gegen die Anhänger der Muslimbruderschaft konsequent massive Luftschläge durchführen, um den Gegner zu vernichten. Damals hat man aber nicht nur die syrischen Muslimbrüder in der Stadt bombardiert, sondern gleich mehrere zehntausend Opfer unter der Zivilbevölkerung in Kauf genommen, womit die syrischen Muslimbrüder bis heute keine entscheidende Rolle mehr spielen. Es ist fraglich, ob man das will, weil es langfristig keine effiziente Methode in den asymmetrischen Konflikten des 21. Jahrhunderts darstellt, wo man die Zivilbevölkerung von den Jihadisten trennen muss, um diese auszutrocknen.


Einen Abnutzungskrieg kann der Westen nicht gewinnen, da schon die personellen militärische Ressourcen fehlen und der politische Wille für die Zustimmung zu verlustreichen militärische Operationen nicht existiert, und die Politik Rücksicht auf die Stimmung in der Bevölkerung nehmen muss, die sich seit dem Ende des zweiten Weltkriegs an den „ewigen Frieden“ gewöhnt hat. Münkler bezeichnet diese Mentalität treffend als Postheroismus, da man sich scheut, für die Verteidigung von Wertvorstellungen Menschenleben zu riskieren. Und das führt zur Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Während der Westen bereits ins postheroische Zeitalter eingetreten ist, blühen in anderen Teilen der Welt heroische Mentalitäten auf materieller (Vielzahl der Söhne) und ideeller Grundlage (religiöse Vorstellungen). Der Jihadismus könnte somit auch als Herausforderung postheroischer Gesellschaften durch heroische Gesellschaften, mit den Folgeerscheinungen des asymmetrischen Konfliktes, verstanden werden, wobei der gewaltsame Jihadismus aber schon Schwierigkeiten hat, genügend šuhadā' für Selbstmordattentate zu rekrutieren, da nicht unbedingt jeder muǧāhid als Blutzeuge, ohne obligatorische Totenwaschung und mit seinem blutigen Hemd, direkt ins Paradies einfahren möchte. So rekrutiert der Jihadismus eben auch in Nervenheilanstalten (Irak) oder durch gezielte Vergewaltigung junger Frauen und Männer (Algerien), die diese „Schande“ nur durch einen Einsatz als Selbstmordattentäter bereinigen können, was der deontologischer Moral islamischer Gesellschaften geschuldet ist.


 



Weltweit gibt es ständig schwelende Konfliktherde. Was bedeutet Counterinsurgency, und ist es das strategische Allheilmittel der Konfliktvermeidung und Friedenssicherung?



Die Konflikte seit dem Ende des Zusammenbruches der Sowjetunion zeigen deutlich, dass das propagierte Nation Building im Kosovo, im Irak oder in Afghanistan höchstens zu einem State Building geführt hat, wo die Gesellschaft und die Wirtschaft nicht entwickelt oder aufgebaut wurde. Es existieren immer mehr Staaten wie der Yemen oder Somalia, die als Failed States zu neuen Konfliktherden werden, die militärische Interventionen notwendig machen werden.


Im Rahmen von Counterinsurgency stellt die militärische Bekämpfung nur einen Teilausschnitt dar, da flankierende politische und wirtschaftliche transformatorische Aufbauhilfe geleistet werden muss, da man keinen Konflikt mehr allein militärisch gewinnen kann. Langfristig muss wie in Afghanistan im Rahmen von “Transfer of Lead Security Responsibility” (TLSR) diese polizeiliche und militärische Aufgabe an lokale afghanische Sicherheitskräfte übertragen werden, da man nicht auf Jahrzehnte im Land bleiben kann. Auch wenn es mehr als fraglich ist, ob die lokalen Sicherheitskräfte nach Ausbildung durch „Operational Mentor and Liaison Teams (OMLT)“ diese Aufgabe überhaupt erfüllen können, da Besoldung und Ausrüstung vollkommen unzureichend sind.


 



Warum bietet sich Counterinsurgency gerade bei der Bekämpfung von Jihadisten an?



Erfolgreiche Counterinsurgency kann kurz- bis mittelfristig wirken, weil langfrsitg angelegte zivile transformatische Maßnahmen gleichzeitig erfolgen müssen. Für Counterinsurgency ist es entscheidend, von der Bevölkerung als Schutzmacht wahrgenommen zu werden, was ständige Präsenz im Raum und unablässige Angriffe auf jihadistische Kräfte erfordert, da wie in Afghanistan die Zahl der getöteten Jihadisten im Verhältnis zur Zahl der Kollateralschäden den Erfolg oder Misserfolg des militärischen Einsatzes bestimmt. Da die Jihadisten keine Kombattanten eines Völkerrechtssubjektes darstellen, fallen sie auch nicht unter den Schutz des Kriegsvölkerrechtes, sondern sind als klassische Partisanen anzusehen, womit andere Bekämpfungsregeln gelten, die die meisten gar nicht kennen wollen, wobei ich wegen der historischen Belastung des Begriffes Partisanenkrieg den Begriff „Kleinkriegsverbände“ nutze. In bellistischen Gesellschaften erzielt man nur Erfolge, wenn man bestimmt auftritt, so viele Gegner wie möglich tötet und sich als Schutzmacht profiliert. Und nicht durch eine Strategie der Abschottung der eigenen militärischen Kräfte von der Zivilbevölkerung und des Einsatzes massiver Bombenteppiche zur Vermeidung eigener Verluste, womit man die Zivilbevölkerung in die Arme der Jihadisten treibt, die insoweit schon den Medienjihad gewonnen haben, als man hier gar nicht mehr den Terror der afghanischen Taliban gegen die afghanische Bevölkerung wahrnimmt. Man könnte darüber sicher wieder ermüdende Debatten führen, aber als einer der letzten bekennenden politikwissenschaftlichen Hobbesianer interessiert mich nicht das, was man möchte oder wie etwas sein sollte, sondern das was ist.


 



Kann eine neue Kriegspraktik, wie Counterinsurgensy, Erfolge gegen Taliban bringen?



Counterinsurgensy kann, wie gesagt, nur innerhalb eines gewissen Zeitrahmens repressiv-militärisch geführt werden, wobei das Kinetic Targeting gegen hochrangige Talibanführer im pakistanischen Stammesgebiet mittels Predator- und Reaperdrohnen und „The Awakening“ als Counterinsurgency im Irak Erfolge gezeigt haben. Auch in Afghanistan beginnt man jetzt, lokale Stammesführer im Kampf gegen die Taliban zu unterstützen. Langfristig müssen unterstützende und transformierende politische und wirtschaftliche Komponenten hinzukommen, wobei man auf eine kurzfristige Implantation westlicher Staatsorganisationsmodelle, Werte- und Normensysteme, nicht hoffen kann. Vielmehr wird man froh darüber sein können, ein diktatorisches Regime zu errichten, welches die Konfliktparteien mit allen Mitteln in Schach hält, um das Zentrum durch die Befriedung der Peripherie zu schützen. Mag man das derzeit noch ablehnen, wird die weitere Entwicklung zeigen, welche Bekämpfungssmöglichkeiten man noch akzeptieren muss, wenn sich der Jihadismus ausbreitet und man in die Defensive gerät. Auch die Bundeswehr könnte eines Tages dazu gezwungen sein, Kinetic Targeting einzusetzen, was man in zukünftigen Strategieplanungen bedenken sollte. Ich selbst fasse, vor dem Hintergrund der sich immer mehr verzahnenden innen- und außenpolitischen Sicherheitspolitik als auszufüllenden Rahmen, die Eckpunkte einer Bekämpfungsstrategie unter dem Begriff LINE zusammen: Lokalisierung, Infiltrierung, Neutralisierung und Eliminierung, wobei ich bewusst den letzten Punkt eingefügt habe, da man darüber wird diskutieren müssen. Auch wenn man sich in Deutschland gerne vor solchen Diskussionen herumdrückt. Der militärisch gerechtfertigte Bombenangriff in Kundus hat gezeigt, wie die Bundeswehr beginnt, ihre Bekämpfungsstrategie in der von mir geforderten Art und Weise anzupassen. Die an Peinlichkeit nicht mehr zu überbietende Diskussion um den Bombenabwurf ist eine typisch deutsche Diskussion, die die Truppe verunsichert und im Ausland Verständnislosigkeit hervorruft. Der Krieg, das Leben und die Liebe sind eben keine Ponyhöfe. Und da helfen auch keine Pazifismus-Sentimentalitäten wie die der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland Käßmann zu Weihnachten, die sich lieber einmal eindeutig zu den Verfolgungen von Christen in islamischen Ländern äußern sollte.


 



Kann man mit Counterinsurgensy künftig auch gegen al-qā’ida vorgehen, die sich gezielt an den Jihadismus anlehnt?



Wie sich der lokal und international ausgerichtete Jihadismus entwickeln wird, kann niemand voraussagen. Was aber seit Mitte 2007 zu beobachten ist, ist die gezielte Rekrutierung junger Muslime und Konvertiten aus Deutschland, die sich im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet ausbilden lassen, und vermehrt nach Deutschland zurückkehren, um als „Europa Afghanen“ den „urbanen Jihad“ auszuüben. Das gilt auch für andere europäische Länder. Für das hybride globale Terrornetzwerk  al-qā’ida und ihm nahe stehender Gruppen haben zuletzt im September während eines Seminars in Kairo islamische Fachleute auf eine Weiterentwicklung im gewaltsamen und gewaltfreien Bereich hingewiesen. Primär eine neue junge Generation von al-qā’ida Anhängern wird vermutlich in Zukunft zur Analogie zur Muslimbruderschaft versuchen, den „Marsch durch die Opposition“ als politische Kraft durchzuführen, während der gewaltsame Jihad auch weiterhin eine Bedrohung darstellt, da er sich neue Verbündete suchen und neue Allianzen schmieden wird. Derzeit sieht man das in der mehrheitlich von Sunniten bewohnten iranischen Provinz Sistan und Belutschistan, wo al-qā’ida seit dem Sommer Kontakte zur Jundallah anstrebt, um auch im Iran an Einfluss zu gewinnen. Da die Provinz an Afghanistan und Pakistan angrenzt, kann sich hier ein Konfliktherd entwickeln, der auch die westlichen Truppen in Afghanistan bedroht. Daneben entwickelt sich der Süden des Yemen zu einem neuen Waziristan, was unter anderem Saudi-Arabien destabilisieren kann. Die Vereinigten Staaten haben aus diesem Grund seit längerem neben dem Nahen Osten und Afrika eine neue Front im Yemen eröffnet, was hier bis zum vereitelten Flugzeuganschlag im Dezember 2009 weitgehend unbekannt war. Der größte Erfolg für al-qāʿida wäre derzeit ein Rückzug der westlichen Truppen aus Afghanistan. Nicht nur, weil das Terrornetzwerk damit wieder ihre alte Operationsbasis zurückerhalten und die gesamte Counterjihadfront in der Region zusammenbrechen würde. Vielmehr würde dieser globale Medienerfolg zur Jihadisierung und Rekrutierung von jungen Muslimen in den westlichen Ländern in der Quantität eines bisher unbekannten Ausmaßes führen. So die übereinstimmende Einschätzung von Nachrichtendienstmitarbeitern.


Für Deutschland können folgende Bedrohungstrends genannt werden: steigender Einfluss von Einzelpersonen zur Rekrutierung, wachsender Einfluss von Konvertiten, steigende Zahl von Jihadzellen und wachsende Rolle von türkischstämmigen jungen Muslimen, die sich bisher weitgehend reistend gegenüber dem gewaltsamen Jihad gezeigt haben. Die bisher bekannten rund 184 Muslime und Konvertiten, die sich im Ausland haben ausbilden lasen, sind nur der Eisberg der jihadistischen Bedrohung, die in Zukunft einen „urbanen Jihad“ ausüben wird, was ich schon im Oktober 2008 in einer Analyse neben der neuen Bedrohungskategorie der „Europa Afghanen“ vorhergesagt habe.


Damit wird das Thema Jihad in all seinen Ausformungen und dessen Kampfdoktrinen auch auf nicht absehbare Zeit eines der bestimmenden Themen bleiben, worauf man in Deutschland gar nicht vorbereitet ist. Hier stehen wir erst am Anfang. Und es wird sich auf absehbare Zeit auch nichts an diesem Zustand ändern, da schon der Wille fehlt, diese Wissensdefizite auszugleichen. So befassen sich in den Vereinigten Staaten alle renommierten Militärakademien wie West Point täglich mit dem Medienjihad, während es in Deutschland schon bei der Bundeswehr keine entsprechenden fachlichen Ressourcen in ausreichender Zahl gibt, da das Thema politisch unkorrekt ist und man noch in den Bahnen klassischer Militärstrategie des Kalten Krieges verhaftet bleibt. Dabei markierte 2009 das 30. Jahr eines Konfliktes, dessen Ende wir gar nicht absehen können. Und der Jihad gegen den Westen hat dabei gerade erst angefangen.



Ich danke Ihnen für das Interview Herr Dr. Tartsch.



Ich habe Ihnen zu danken Frau Thanheuser.


 


Copyright und alle Rechte: Gehenna Buchverlag Thomas Tartsch


 


Vervielfältigung – auch in Auszügen – nur nach vorheriger Genehmigung


 


Michaela Thanheuser, geboren 1965 in Wien und nach ihrer Scheidung als alleinerziehende Mutter ganztags berufstätig in verschiedenen Sparten, wie in jenen der Unternehmens­beratung, medizinischer Bereich, neue Medien und nebenberuflich als Korrekturleserin von wissenschaftlichen Arbeiten.


 Letzte Veröffentlichung (2008): "Blond - aber nicht blöd. Seelenbogen einer Frau",  ISBN-13 : 978-3941147010


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


1.Teil des Interviews zu meinem neuen Jihadbuch
12.01.2010 17:44:14

Hier nun der 1. Teil des ausführlichen Interviews, welches die österreichische Buchautorin Frau Michaela Thanheuser mit mir geführt hat.


Weitere Informationen zum Buch sind auf der eigens dafür eingerichteten Homepage abrufbar.






„Die Dinge fallen auseinander. Die Mitte hält nicht mehr.“


[William Butler Yeats]


 


Herr Dr. Tartsch, was sind die Intentionen für Ihr neu erschienenes Buch, Ǧihād a-saġīr, Legitimation und Kampfdoktrinen?



Mein neues Buch besitzt zwei Intentionen. Zum einen bietet es eine verständlich geschriebene Einführung in grundlegende sunnitische Lehren des Jihad und des islamischen Kriegs- und Fremdenrechts (Siyar), die sich seit dem 7. Jahrhundert entwickelt haben und auch heute noch vom virulenten Jihadismus befolgt und ausgeübt werden. Diese Lehren sind selbst den meisten Muslimen unbekannt. Zum anderen empfehle ich einen Strategiewechsel im Rahmen von Counterinsurgency für die Auslandseinsätze der Bundeswehr, da man derzeit in Afghanistan verfolgen kann, wie man solche Einsätze nicht führt.


 



An welchen Thesen oder Fachleuten orientieren Sie sich?



Dabei folge ich primär Prof. Dr. Tilman Nagel, der nicht nur der international renommierteste deutsche Arabist ist, sondern gleichzeitig für eine Generation von Orientalisten und Islamwissenschaftlern, wie Dr. Rainer Glagow, Dr. Gerd-Rüdiger Puin, Prof. Dr. Ursula Spuler-Stegemann und viele mehr, steht, die noch in der Lage waren, intensives Quellenstudium zu betreiben, was man von den meisten anderen Orientalisten und Islamwissenschaftlern nicht behaupten kann. Islamwissenschaftler wie Frau Prof. Dr. Christine Schirrmacher stellen somit eine seltene Ausnahme dar. Vielmehr folgen heute die Majorität der Orientalisten und Islamwissenschaftler einem romantizistischen Islambild als Synthese aus ammām (Dampfbad) und arām (Harem), womit sie selbst Teil des Problems geworden sind, anstatt zur Problemlösung beizutragen. Das gilt für die Sozialwissenschaft in ihrem Arbeitsbereich der Migrations- und Integrationsforschung ebenso. Aus diesem Grund grenze ich mich explizit von der Mehrheit der heutigen Sozialwissenschaftler ab, die nicht mehr ihrer Aufgabe nachkommen, die Welt zu entzaubern und erklärbar zu machen, sondern sich lieber in Bereichen, wie dem idyllischen Multikulturalismus, dem bisher staatlich subventionierten Kampf gegen alles, was nicht mindestens linksradikal ist, und Gender Studies profilieren wollen.


Zum anderen folge ich im militärischen Bereich der rein an der Effizienz orientierten Sichtweise des israelischen Militärhistorikers Martin van Creveld, da die bisherigen ermüdenden moralinsauren Debatten über den Kriegseinsatz in Afghanistan jede Strategieänderung verhindert haben, womit sich der Einsatz für den Westen insgesamt in einen physischen, psychischen und die Staatshaushalte belastenden Abnutzungskrieg gewandelt hat, dessen Ausgang derzeit nicht zu prognostizieren ist. Dabei verdienen die eingesetzten Bundeswehrsoldaten nicht nur die moralische Unterstützung der Bevölkerung, sondern auch uneingeschränkte Rückendeckung von der politischen und militärischen Führung.




Warum ist der Jihad as-sagir gegenwartsrelevant und eine latente Gefahr für die Demokratie?



Es soll verdeutlicht werden, wie sich die religiöse- rechtliche Legitimation des gewaltsamen Jihad as-sagir (kleiner Jihad) seit dem 7. Jahrhundert entwickelt hat und wie die Kampfdoktrinen auch heute noch vom virulenten international und regional ausgerichteten Jihadismus angewendet und weiterentwickelt werden, da der Jihadgedanke seit über 1.400 Jahren eine Konstante der islamischen Historie darstellt, der Nichtmuslime und Muslime gleichermaßen bedroht. Auch wen der im Dialog immer angeführte gewaltlose Jihad al-akbar (großer Jihad) seine Berechtigung besitzt, war der Jihad as-sagir immer die bestimmende Form des Jihad in der islamischen Historie.


 



Auf welchen Grundlagen basiert Ihre Sicht und Definition des Jihad as-sagir?



Hierbei beziehe ich mich neben historischer Texte islamischer Gelehrter unter anderem auf die klassische Jihadliteratur von Sayyid Qutb, Abdessalam Faraj und Abdullāh Yūsuf ’Azzām und Texte aus der digitalisierten und sich internationalisierenden jihadistischen Cyber Umma, die ich nicht wie bei Kepel/Milelli oder Lohlker wissenschaftlich aufbereitet vorstelle, sondern bewusst mit allen Rechtschreib- und Zeichenfehlern so zitierte, wie seit Jahren hier in Deutschland im Umlauf sind oder im Internet veröffentlicht werden, um die Authentizität zu wahren. Deutschland ist bezüglich der Kenntnis der Jihadlehren, und den daraus erwachsenden Kampfdoktrinen von der Islamwissenschaft, über die Sicherheitsbehörden, bis zu den Streitkräften, ein Entwicklungsland, da man etwa nicht nur den Koran und die Prophetenbiografie, sondern auch die Ahadithsammlungen der Prophetentradition (Sunna) lesen sollte, wo in der Regel in deutschen Übersetzungen der jeweiligen Sammlung das Buch über den Jihad fehlt. Aus diesem Grund habe ich eine Auswahl entsprechender Ahadith in meinem Buch angeführt, wobei mir während meiner Arbeit der Zugriff auf einschlägige deutschsprachige islamische Webseiten gesperrt wurde, womit ich auf englischsprachige Seiten zurückgreifen musste, die aber in der Regel auch umfangreicher und detaillierter ausfallen.


 



Warum ist die westliche Welt gegenüber den Gefahren des permanent existenten Jihad so blind und unvorbereitet, und welche Rückschlüsse lassen sich aus den Ereignissen des 11. September 2001 ziehen?



Auch andere Länder haben die Gefahr durch den Jihadismus viel zu lange nicht ernst genommen. So war Daniel Pipes einer der wenigen, der schon 1995 vor der Kriegserklärung des „militanten Islam“ an Europa und die Vereinigten Staaten gewarnt hatte. Der 11. September 2001 hat den Westen vollkommen unerwartet getroffen, obwohl man seit dem zweiten Golfkrieg die sich anbahnende Gefährdung durch den Afghanistanveteranen Usāma Ibn Lādin hätte erkennen können, bevor er nach dem zweiten Golfkrieg von Saudi Arabien über den Sudan wieder nach Afghanistan ging, wo er 1998 zusammen mit Aiman a-awāhirī den Grundstein für das Terrornetzwerk al-qā’ida legte. Es hat sich bitter gerächt, dass man 1989 Afghanistan seinem Schicksal überlassen hat, nachdem die muǧāhidīn die sowjetischen Truppen, durch das Brechen der Lufthoheit durch von Amerika gelieferte Stinger Flugabwehrraketen, besiegen konnten. Der amerikanische Politikwissenschaftler Chalmers Johnson hat das „Blowback“ genannt, womit er die unbeabsichtigten Folgen politischer Maßnahmen gemeint hatte, die vor der Öffentlichkeit geheim gehalten wurden. Den 11. September 2001 kann man als „Rückstoß“ der früheren Unterstützung der muǧāhidīn bis 1989 und das Fallen lassen von Afghanistan nach 1989 charakterisieren, da man sich anscheinend keine Vorstellungen gemacht hat, welche Folgen dieser Sieg, im Zusammenhang mit dem Ende des Kalten Krieges, für die zukünftige globale Sicherheitslage haben würde. Denn 1989 ist nicht das auch von Fukuyama so nicht mehr vertretene „Ende der Geschichte“ eingetreten, sondern das Gegenteil: der schwindende Einfluss des westlichen Normen- und Wertesystems und der Verheißung der Marktwirtschaft, mit ihren Versprechungen von Demokratie und Wohlstand, vor der Folie neuer Konfliktherde, von denen die Bedrohung durch den Jihadismus nur eine von vielen darstellt, da der Jihadismus sowohl den inneren Jihad gegen die eigenen islamische Regierungen und den äußeren Jihad gegen den Westen und insbesondere Israel führt. Aber in einer globalisierten Sicherheitslage haben Entwicklungen in der islamischen Welt unmittelbare Auswirkungen auf den Westen, der immer mehr in die Defensive gerät. Auf der anderen Seite tragen auch die islamischen Länder eine ebenso große Schuld am virulenten Jihadismus, da sie die „Araber Afghanen“ nach 1989 nicht in die jeweilige Gesellschaft re-integriert haben, die dann zum Grundstock des globalen Jihadismus wurden. Man hätte Ibn Lādin frühzeitig eliminieren müssen. Das hat man unterlassen und muss nun mit den Folgen leben, da es nur noch um Eindämmung geht. Und nicht mehr um einen vollständigen Sieg über den Jihadismus, der sich lägst zu einer Bewegung entwickelt hat. So würde schon die Ergreifung oder Eliminierung von Ibn Lādin keinerlei Auswirkungen mehr auf das hybride und dezentral agierende Terrornetzwerk zeigen, welches sich verstärkt nach dem Prinzip des „Leaderless resistance“ organisiert.


 



Aus welchen Quellen speisen Sie ihre aktuellen Informationen?



Ich selbst informiere mich kaum noch aus deutschen Quellen, sondern bewege mich lieber fast jeden Tag in der jihadistischen Cyber Umma und nutze primär ausländische Quellen. Aus verständlichen Gründen werde ich mich hier nicht direkt über die bestehenden jihadistischen und anderen Netzwerke in Deutschland äußern, die man seit Jahren beobachtet, da sie hier täglich den gewaltsamen Jihad propagieren und vorbereiten oder den derzeit aus taktischen Gründen gewaltfreien Jihad ausüben. Als ein Ergebnis meiner Arbeit an meinem neuen Buch plädiere ich für einen breit gefassten Jihadbegriff, der etwa auch Da´wa als Jihad umfasst, da es hier auch um die Ausweitung islamischer Herrschaft und die Einführung shari’atischen Rechts geht, wobei Da´wa auch durch die Zakah (Läuterungsabgabe) finanziert werden kann (Sure 9, Vers 60).


 



Was halten Sie vom derzeitigen Dialog der Kulturen? Ist der Islam eine tolerante Religion, welche sich unserem westlichen Wertesystem und unserer Religionsfreiheit und -ausübung anpassen kann?



Es wird nirgendwo mehr gelogen als bei Jubiläen, Beerdigungen und im Dialog der Kulturen, der von einer Minderheit muslimischer „Dialogpartner“ beherrscht wird, während die Gegenseite sich zu Steigbügelhalter erniedrigt hat. Schon über die Übersetzung von „Islam gleich Frieden“ braucht man kein Wort verlieren. Aber auch eine Diskussion um die Bedeutungen „Unterwerfung“ oder „Ergebung in den Willen Allahs“, da man aufgrund der verschiedenen Gottesbilder im Christentum und Islam Allah nicht Gott nennen sollte, ist wenig hilfreich. Vielmehr muss man den Islam sowohl als individuelle spirituelle Gotteserfahrung als Religion, als auch eine von Allah selbst gestiftete und die ganze Lebenspraxis überformende Handlungsanleitung ansehen, die dem gläubigen Muslim die Entscheidung über die Folgen seiner Handlungen abnimmt, da die Ratio auf ein vom Koran und Sunna limitiertes Handlungsfeld beschränkt wird. Die Orthopraxis der Ritenausübung als Annäherung an die beste Gemeinschaft, die das Rechte gebietet und das Unrechte verbietet (Sure 3, Vers 110) wird damit zum einzigen Lebenszweck erhoben, was auch den Jihad umfasst, der eben nicht nur gewaltsam ausgeübt werden kann, wenn etwa Da’wa (Missionierung) eher zur Zielerreichung führt. Der gläubige Muslim selbst, der kritiklos und nichthinterfragbar die Ge- und Verbote der auf Koran und Sunna basierenden Shari’a als Annäherung an die medinensische Ur-Umma erfüllt, verdeutlicht die einzige von Allah dem Menschen zugedachte Daseinshaltung, indem er sein Gesicht unentwegt und in ewiger Dankbarkeit auf Allah ausrichtet (Sure 3, Vers 20 und Sure 30, Vers 30). Dieser beobachtet den Gläubigen jeden Augenblick seiner irdischen Existenz, was die als Thronvers bekannte Sure 2, Vers 255 explizit aussagt, da er alles in jedem Augenblick nach seinem Ratsschluss bestimmt. Damit erlangt nur der Anhänger der islamischen Religion ein Anrecht auf die Heilswirksamkeit und Heilsmächtigkeit, die durch die quasi Vergöttlichung des Propheten verdeutlicht wird, dessen Wirken als übergeschichtliche Wahrheit sich überall da einfügt, wo das kulturell-religiöse Langzeitgedächtnis aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft die Überlegenheit des Islam gegen andere Religionen propagiert, die nicht als gleichberechtigt gesehen werden. Diese Janusköpfigkeit des Islam als spirituelle Individualerfahrung und als total zu charakterisierende Handlungsanweisung wird im bisherigen „Dialog“ fast vollständig ausgeblendet.


 



Kann der Islam mit anderen Religionen und Ländern, wie beispielsweise Israel, im Dialog stehen und diese anerkennen?



Derjenige Muslim, der den Ruf zum Jihad annimmt und zum Jihadi wird, kann schon nach den einschlägigen Suren und Versen des Korans andere Religionen nicht als gleichberechtigt ansehen. So haben Poly- und Atheisten nach dem Schwertvers (Sure 9, Vers 5) nur die Wahl zwischen Konversion oder Jihad. Juden, Christen und andere „Buchbesitzer“ die Wahl zwischen Konversion, gegen Zahlung der jizya (Kopfsteuer) einen inferioren Status als immī (Schutzbefohlenen) neben der islamischen Gemeinschaft oder Jihad. So die als Kopfsteuervers bekannte Sure 9, Vers 29. Daran ändert auch das immer zitierte Satzfragment aus Sure 2, Vers 256 „keinen Zwang in der Religion“ nichts, da schon Sure 2, Vers 257 den Ungläubigen das ewige Höllenfeuer prophezeit. Hier ist kein westliches Verständnis der Religionsfreiheit „von“ und „zu“ einer Religion gemeint, sondern höchstens die Feststellung, man kann niemanden zur Annahme des Islam zwingen kann, was in der frühen Expansionsphase bis zur zweiten islamischen Dynastie der al-‘Abbāsīyūn Mitte des 8. Jahrhunderts auch nicht gewollt war, da die neue Religion rein arabisch bleiben sollte und es primär um Beute- und Sklavengewinnung ging. Wird die Herrschaft des Islam nicht anerkannt oder konvertiert, gelten die beiden angeführten Verse, wobei nach Meinung nicht weniger islamischer Gelehrter seit dem Mittelalter der Schwertvers alle „milden“ Aussagen gegen Juden und Christen aus der mekkanischen Schwächephase abrogiert hat. Sure 9, Vers 5 findet sich in einem großen Teil jihadistischer Veröffentlichungen als Legitimation zum Kampf gegen die Ungläubigen, was sowohl Nichtmuslime als auch Muslime meint, die mit den Zielen des Jihadismus nicht übereinstimmen. Durch den hohen Bodycount von Muslimen durch Anschläge des gewaltsamen Jihadismus verliert dieser an Zustimmung in der islamischen Welt, was aber nicht für den Jihad zur Vernichtung Israels durch Gruppen wie die lokal ausgerichtete HAMAS gilt, der vermehrt Zustimmung auch in den westlichen islamischen Diasporagemeinden findet.


 



Was legitimiert den heutigen Jihad und seine damit verbundenen Lebens- und Vorgehensweisen?



Insgesamt gesehen legitimieren sich die Veröffentlichungen des Jihadismus zu gut 90% mindestens durch die Zitierung einschlägiger Suren und Verse des Korans. Hinzu kommen die sich mit dem Jihad befassenden Ahadith der Sunna und Texte von den ’Ulama wie den Hanabli Reformer Ibn Taimīya (gest. 1328 n.Chr), den etwa Abdullāh Yūsuf ’Azzām ausführlich in seiner „Verteidigung der islamischen Länder als höchste persönliche Pflicht“ zitiert hat, um den Jihad in Afghanistan gegen die sowjetischen Truppen als fard al-ayn (individuelle und nicht delegierbare Pflicht für jeden Muslim islamisches Land durch den Jihad zu verteidigen oder zurückzuerobern) zu propagieren, womit global muǧāhidīn (die den Jihad ausüben) angeworben wurden. ’Azzām war einer der geistigen Wegbereiter für al-qā’ida und dessen global ausgerichteten Jihad, der als Verteidigunsjihad propagiert wurde und wird. Das ist nur eines von vielen Beispielen, die ich angeführt habe, die zeigen, wie der Jihadismus nicht die Religion missbraucht, sondern das ausübt, was in den Heiligen Quellen und in anderen Werken wie den Rechtsbüchern angemahnt  und ausführlich beschrieben wird.


 



Was meinen wir tatsächlich, wenn wir von „Islam“ sprechen? Welche Rolle spielt er im privaten Leben des Gläubigen, wie auch auf staatlicher Ebene?



Wenn wir „von dem Islam“ oder „der Islam“ sprechen, meinen wir damit in globaler Perspektive eine Ausprägung der Religion durch eine vorher nicht gekannte Islamisierung bestehender und eroberter Gebiete bis ins 10 Jahrhundert, die auch heute noch propagiert wird und in der globalen Perspektive quantitativ die vorherrschende Religionsauslegung darstellt. Damit wird nicht nur das Leben des einzelnen Gläubigen, sondern auch der Staat total erfasst, womit es nicht um die persönliche spirituelle Erfahrung des einzelnen Gläubigen geht, sondern um einem aus dem Ritenvollzug sich ergebenden Regelanspruch, der nach shari’atischem Recht Din und Daula, Ritenausübung und weltlichen Staat umfasst. Die Umma wird nach traditioneller islamischer Vorstellung durch das von Allah den Menschen auferlegte Gesetz (Shari’a) errichtet und aufrechterhalten, welches diesen in Form von Koran und Sunna übergeben wurde. Damit besteht die einzige Daseinsberechtigung des islamischen Gemeinwesens in der Gewährleistung der Erfüllung der Ge- und Verbote als Annäherung an die medinensische Ur-Umma, wozu auch die Ausübung des Jihad zählt, was man nicht oft genug wiederholen kann.


 



Der gläubige Muslime fühlt sich seiner Umma, seiner Diaspora, seiner Shari’a - also seinem eigenen Gesellschafts- und Wertegefüge extrem zugehörig. Wieso schottet er sich deshalb von der westlichen Gesellschaft ab, und was hat das explizit mit dem Jihad zu tun?



Durch die Sakralisierung aller Lebensbereiche, die persönliche, soziale und politische Sphäre zu einer Monokratie nach dem Vorbild der Ur-Umma verklammert, wird im Inneren ein archaisch-paternalistisches Kontroll- und Ordnungssystem mittels vormoderner Glaubenssätze konserviert, welches in der Diaspora vermehrt zur sozialen Identitätsbildung und Bindung an tribale Vergemeinschaftungsformen führt, die die Bildung paralleler Strukturen neben und gegen die Aufnahmegesellschaft nach außen vorantreibt, was man auch als eine Form des Jihad charakterisieren kann. Solange sich diese Ausprägung nicht der rational-historisierenden Deutung bezüglich des Handelns des Propheten öffnet und elementare Stellen der Überlieferungen im Koran und Sunna, die zum gewaltsamen Jihad aufrufen, für eine Privatisierung, Rationalisierung und Individualisierung außer Kraft gesetzt werden, wird sie auch nicht zu integrieren sein. Denn nach dieser Ausprägung muss der Jihad gegen das Dār al-Harb (Haus des Krieges) bis zur endgültigen Einverleibung in das Dār al-Islām (Haus des Islam) oder bis zum jüngsten Tag ausgeübt werden. Denn nach klassisch-islamischen Rechtsdenken kann es keinen Friedensvertrag zwischen beiden Häusern geben, sondern nur einen zeitlich begrenzten Waffenstillstand (Hudna) aus strategischen Gründen, der jederzeit gebrochen werden kann, wenn sich etwa die militärische Unterlegenheit der Muslime in eine Überlegenheit wandelt.


 



Ist der Islam für gesellschaftliche, wirtschaftliche und (sozial-) politische Heraus­forderungen unserer heutigen Zeit modernisierbar, reformierbar?



Würde eine Reformierung erfolgen, müsste man sich fragen, ob es dann überhaupt noch „der Islam“ wäre. Oder etwas ganz anders, was ja auch für einen wie immer gearteten „Euro Islam“ gelten würde, da dieser nicht einfach durch eine Aufsplittung der Shari’a in den Bereich der Ritenausübung (al-'ibadat) und den Bereich der Rechtsbeziehungen (al-mu’āmalāt) entstehen würde, was schon Atatürk versucht hat durchzusetzen. Derzeit sollte man darauf keine großen Hoffnungen setzen, da keine Anzeichen für eine aus dem Inneren kommende Reformierung zu erkennen sind, die eine breite Massenwirkung erzielen könnte. Und das nicht nur wegen der nicht gegebenen Existenz einer übergeordneten religiösen Autorität, die für Sunniten und Schiiten sprechen könnte. Von den vielfältigen anderen islamischen Ausprägungen ganz zu schweigen, die oft von anderen Strömungen nicht anerkannt werden. Auch diese Frage mit ihren weitreichenden Folgen wird in Deutschland fast nicht thematisiert.


 



Europäische, aber auch deutsche, Städte verändern sich – es entwickeln sich Ghettos und ortsspezifische Merkmale muslimischer Kultur. Was ist der eigentliche Grund für jene soziale, religiöse und wirtschaftliche Abschottung?



Am besten kann man das vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung am Beispiel einzelner Stadtteile verdeutlichen. Während es in den letzten Jahrzehnten zu einer sektoralen sozialen Segregation kam, da der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft zu einer erhöhten Arbeitslosigkeit führte, kann man heute die Weiterentwicklung einzelner Stadtteile hin zu einer mehrkernigen ethnisch-religiösen Segregation beobachten, die sich immer mehr zu Vierteln der klassischen orientalischen Stadt entwickeln, wo Stadtteile nach ethnischen, religiösen Merkmalen und tribalen Verbindungen getrennt sind. Hier gilt vermehrt der Grundsatz „al-walā’ wal-barā’a.“ Gemeint ist damit, sich von allen Nichtmuslimen fernzuhalten und die Nähe von Muslimen zu suchen und diese im Notfall gegen Nichtmuslime zu unterstützen. Schon heute zeigt die Alltagsrealität in Stadtteilen wie Duisburg-Marxloh oder Städten wie Bergkamen die Zukunft von immer mehr urbanen Gegenden, wo archaisch-patriachalische und rigide religiöse Verhaltensweisen und normative Erwartungshaltungen den öffentlichen Raum dominieren. Und die Zahl dieser islamischen Submilieus mit eigener Werte- und Rechtsordnung wird in Zukunft stetig anwachsen, was langfristig das soziale Gefüge in Deutschland erodieren wird. Und das nicht nur, weil der Staat hier sein Monopol der legitimen physischen Gewaltsamkeit (Max Weber) kampflos aufgibt, womit rechtsfreie Räume entstehen.


 



Wo liegen die Wurzeln und Vorbilder der starken Gemeinschaft der Muslime?



Vorbild bleiben die Taten des Propheten seit der Hidschra 622 n.Chr. mit der sich nicht nur in der medinensischen Stärkephase die islamische Religion ausgebildet hat, sondern sich auch eine neuartige Glaubens- und Kampfgemeinschaft etablierte. Diese neuartige Vergemeinschaftungsform ersetzte die bisherigen tribalen und verwandtschaftlichen Loyalitäten durch den unbedingten Glauben und Einsatz an und für Allah, womit Rechten und Pflichten durch die Angehörigkeit zur sozialen Kategorie „Muslim sein“ determiniert wurden. Der Jihad selbst entwickelte sich aus den damals üblichen Raub- und Beutezügen der vorislamischen Beduinenstämmen seit 623 n.Chr., die neben der Entrichtung der Zakah als religiöse Grundpflicht einer der fünf Säulen des Islam der materiellen Versorgung der Gemeinschaft diente. Erst mit dem überraschenden Sieg der sich aus einem Karawanenüberfall entwickelnden Schlacht bei Badr 624 n.Chr., wo die Muslime den Mekkanern ca. 1:3 unterlegen waren, erhielt der Jihad als imperial-expansives Mittel der Ausbreitung islamischen Rechts und islamischen Herrschaftsgebietes seine ersten Konturen, deren Kampfdoktrinen durch die islamische Jurisprudenz ausgearbeitet wurden. Seinen Niederschlag fanden diese Ereignisse bei Badr in der 8. Sure, die wie der größte Teil des Korans eine Reflexion zu damaligen Ereignissen darstellt, womit man den Koran als historisches Dokument aus sich selbst heraus interpretieren muss, wobei es unerlässlich ist, auch andere Werke wie die Prophetenbiographie hinzuzuziehen. Heute pendelt das Bild des Propheten zwischen den Polen Vergöttlichung und Verdammung, was beides die Romantik der Gefühle anspricht, uns aber nicht weiterhilft, will man über eine mögliche Modernisierung der Religion diskutieren.


 



Kann man den Jihad mit dem Heiligen Krieg gleichsetzen?



Jihad selbst bedeutet eben nicht „Heiliger Krieg“, sondern ist nach islamischer Lehre die einzig erlaubte (auch gewaltsame) äußerste Anstrengung auf dem Weg Allahs zur Ausweitung islamischer Herrschaft und islamische Rechts, die nach einem Ausspruch des Propheten nach der Einnahme von Mekka 630 n.Chr. nur mit Niya (frommer Absicht) geführt werden soll. Hierbei soll der Jihad in der Regel durch den islamischen Herrscher geführt werden, während die Umma genügend Glaubenskämpfer bereitstellen muss, was als kollektive fard al-kifaya (Pflicht der genügenden Anzahl) bezeichnet wird, womit die Umma ihre Verpflichtung erfüllt. Ansonsten sind in der Regel Kriege der Muslime untereinander verboten, wobei dies nicht gilt, wenn der Krieg von Muslimen gegen Muslime geführt wird, die man in den Unglauben entlassen hat (Takfīr), was in der islamischen Historie eher die Regel als die Ausnahme darstellte. Das zeigen schon die Auseinandersetzungen um die Nachfolge des Propheten, die zur Schia in Sunniten, Schiiten und der Abspaltung der fanatischen Glaubenskämpfer der awāriǧ führte, die die erste islamische Reformbewegung darstellten und heute noch als Ibaditen und Mozabiten existieren, ohne noch Einfluss zu besitzen. Die meisten Problemlagen in der islamischen Welt besitzen ihren Ursprung nicht in den Kreuzzügen und dem Kolonialismus, sondern in historisch gewachsenen innerislamischen Auseinandersetzungen und der Unfähigkeit der islamischen Regierungen, diese lösen zu wollen. Mag das der kollektive Selbsthass in der westlichen Welt auch anders sehen, der die Minderwertigkeitskomplexe der islamischen Welt immer wieder bestärkt, die das ständige Beleidigt sein eines Teils der Muslime zu immer groteskeren Formen aufputscht, was bis zur Ermordung von islamkritischen Menschen wie Theo van Gogh und den versuchten Anschlag auf Kurt Westergaard im Dezember 2009 führen kann, wobei diese Taten auch als eine Form des Jihad anzusehen sind.


 



Die westliche Dichotomie Islam – Islamismus wird, nach genauem Hinterfragen und Verständnis für die historische Entwicklung des Islam und seine tatsächliche Deutung, demnach nur irreführend und irrelevant?



Man muss grundlegend eines klarstellen. Die westliche Dichotomie in einen Islam und einen die Religion missbrauchenden Islamismus bringt keinen Erkenntnisgewinn, um daraus Handlungsmaximen ableiten zu können. Es ist vielmehr eine westliche Projektion aus Unkenntnis, da schon das Wort „Fundamentalismus“ keine Entsprechung im Arabischen besitzt, womit man sich mit Lehnübersetzungen behilft, um überhaupt eine Definition an der Hand zu haben, da vielfältige Ausprägungen der Religion existieren, die sich im Innenverhältnis durch eine ausgeprägte Binnendifferenzierung auszeichnet. Ich nenne das den „Apfel-Birnenkuchen Schwindel“, da man den Menschen zwei Apfelkuchen mit der Aufschrift „Islam“ und „Islamismus“ präsentiert, wobei der Islamismus Apfelkuchen als Birnenkuchen deklariert wird, da etwa der gewaltsame Jihadismus nichts mit der Religion zu tun habe soll, was der Unwahrheit entspricht. Vielmehr gibt es nur einen großen Apfelkuchen, dessen einzelne Stücke islamische Ausprägungen darstellen. Versuchen sie einmal Usāma Ibn Lādin zu erklären, er wäre ein die Religion missbrauchender Islamist. Er würde Ihnen wohl seine Kalaschnikow an die Schläfe setzen, da auch er ein gläubiger Muslim ist, der einer bestimmten Auslegung der heiligen Quellen folgt, die man bis ins 7. Jahrhundert zurückverfolgen kann. Das muss man anerkennen, wenn man Ursachenforschung über den Zusammenhang zwischen der Religion und religiös-rechtlich legitimierter Gewalt betreiben will. Auch in einem Dialog, der seinen Namen verdient, muss erst das Trennende benannt werden, um dann einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, auf dem aufgebaut werden kann. Schon Platon hat sich hierzu treffend geäußert: „Also muss jemand, der einen anderen täuschen will, ohne dabei selbst getäuscht zu werden, die Ähnlichkeit der Dinge und ihre Unähnlichkeiten genau auseinanderhalten" .



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