Der in Paris zu 18 Jahren Haft verurteile Christian Manfred Ganczarski (Kampfname: Abu Ibrāhīm oder Ibrāhīm al-Almani) gehört zur ersten Generation von Konvertiten, die sich dem Ǧihād der al-Qā’ida anschlossen (die damals noch primär eine hierarchisch organisierte Militärorganisation darstellte), deren Mudschaheddin sich zu dieser Zeit vornehmlich aus ägyptischen und saudi-arabischen „Araber Afghanen“ zusammensetzten.
Ihre Prägung erhielten sie Anfang der 1990er Jahre durch den Besuch saudi-arabischer Universitäten, für die die materiellen Mittel für Stipendien im Rahmen einer globalen Da’wa Aktion durch das Königshaus der as-Sa’ūd bereitgestellt wurden, um westliche Konvertiten für die sunnitisch-hanbalitische und salafitische Islamauslegung der al-Muwahiddun (Fremdbezeichnung: al-Wahhābīya) zu gewinnen. So auch Ganczarski.
Er wurde im Oktober 1966 in Gliwice (Polen) geboren und zog mit seinen Eltern 1976 nach Mühlheim/Ruhr. Seinen Weg zum Islam fand er vor dem Hintergrund einer persönlichen Lebenskrise in Krefeld über einen Tunesier, der ihn dazu brachte, den Koran zu studieren, was ihn so beeindruckte, dass er 1986 konvertierte, sich den Namen Ibrāhīm zulegte und sich in einer Mühlheimer Moschee engagierte. Nach der Heirat mit einer deutschen Konvertitin war Ganczarski ein gläubiger Muslim, aber noch kein als „Gefährder“ eingestufter Mudschaheddin, was sich ab 1992 ändern sollte.
In diesem Jahr erhielt er nach Vorschlag des Imams der Mühlheimer Moschee und durch die Vermittlung des aus Saudi-Arabien stammenden und seit 1964 in Deutschland lebenden und als Gynäkologen praktizierenden Dr. Nadeem Elyas die Möglichkeit, ein Stipendium für ein Studium des Islam an der „Universität für islamische Wissenschaften“ in Medina zu erhalten. Elyas war zu der Zeit im Vorstand der Aachener Bilal-Moschee tätig und Vorsitzender des „Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V. (ZMD)“. Ebenso bekleidete er vorher unter anderem den Posten des Generalsekretärs der „Union Muslimischer Studenten Organisation in Europa“ (UMSO) mit heutigem Sitz in Bochum. Die UMSO gilt wie die „Union der in Europäischen Ländern Arbeitenden Muslime e.V.“ (UELAM) mit Sitz in Herne und dem „Bundesverband für islamische Tätigkeiten e.V.“ als Vorfeldorganisation des im nächsten Abschnitt behandelten IZA.
Trägerverein der Bilal-Moschee ist das 1978 beim Amtsgericht Aachen als Verein eingetragene „Islamisch Zentrum Aachen e.V.“ (IZA), welches von dem Führer der syrischen Muslimbrüder Professor Isameddin El Attar gegründet wurde. Attar hatte 1962 für die Muslimbrüder im syrischen Parlament gesessen, musste das Land aber später aus politischen Gründen verlassen und ging nach Deutschland ins Exil, wo er von 1978-1996 Leiter des IZA war. UMSO und UELAM waren früher wie dieses Mitglied im ZMD, werden aber heute nicht mehr auf der Homepage bei den Mitgliedsvereinen aufgeführt. Zum IZA gehört auch die „Internationale Muslimische Studenten Union e.V. – Aachen“ (IMSU), die am 11. Mai 1960 in Aachen von muslimischen Studenten und Akademikern gegründet wurde und Bauherr der Bilal-Moschee war, die von 1964 – 1970 errichtet wurde. Die Teppiche der Moschee wurden vom saudischen „Ministerium für Islamische Angelegenheiten“ gestiftet.
Die IMSU unterhält bundesweit Partnerschaften zu anderen islamischen Studentenvereinigungen. In NRW gilt dies für die Universitäten Bielefeld, Bochum, Duisburg, Düsseldorf, Essen und Köln.
Das IZA wird als syrischer Zweig der 1928 in Ismailiya/Ägypten gegründeten „dschamiyat al-ichwān al-muslimūn fi misr“ (Muslimbruderschaft) eingestuft, die laut Eigendefinition eine „social political group with a general islamic platform“ darstellt. Es war zunächst eng mit der zum ägyptischen Zweig der Muslimbruderschaft zugerechneten „Islamischen Gemeinschaft in Deutschland e.V.“ (IGD) und dem „Islamischen Zentrum München (IZM)“ verbunden, spaltete sich 1981 jedoch von diesen ab und benannte seine Mitglieder in „Islamische Avantgarden“ um, wobei beide Zweige die Ziele der Mutterorganisation weiterverfolgen.
Sie werden von den Sicherheitsbehörden zum „taktischen (auch: legalistischen) Islamismus“ gezählt, der seine Ziele unter Ausnutzung der Rechtslage und Nichtanwendung von Gewalt in Deutschland mit Hilfe einer legalistischen Strategie durchzusetzen versucht, um islamistische Milieus in Deutschland zu bilden und zu festigen.
Die Muslimbruderschaft gilt als erste revolutionäre und bis heute einflussreichste islamische Bewegung mit theoretischen Wurzeln im ägyptischen und saudischen Salafismus, die durch ihre oft klandestin agierenden Zweige global operiert und im ägyptischen Parlament trotz staatlicher Repressivmaßnahmen durch „unabhängige Kandidaten“ die größte Oppositionskraft stellt. Nur in Syrien wird sie vom herrschenden Assad-Regime unerbittlich verfolgt, seit die syrische Luftwaffe 1982 während des „Massakers von Hama“ ca. 20.000 – 30.000 Menschen tötete, da Hama eine Hochburg der syrischen Muslimbrüder war. Seit dieser Zeit sehen sich die syrischen Muslimbrüder einer unerbittlichen Verfolgung ausgesetzt, obwohl von Damaskus aus die politische Führungsriege der HAMAS agiert und eine Tagung von Führern von 30 internationalen Zweigen der Muslimbruderschaft zu deren Unterstützung geplant ist, da die HAMAS eine Gründung der palästinensischen Muslimbrüder darstellt. Dies verdeutlicht die unübersichtliche politische Lage im Nahen Osten, da die sunnitische HAMAS verstärkt vom schiitischen Iran unterstützt wird, der gleichzeitig auch die sunnitische al-Qā’ida unterstützt. So halten sich derzeit im Iran ca. 40 hochrangige Mitglieder des Terrornetzwerkes auf, die von Saudi-Arabien als Terroristen eingestuft werden. Diese haben wie das al-Qā’ida Mitglied Abdullah al-Qarawi Saudis als Mudschaheddin angeworben, die von einer Basis im Iran aus im Irak und im Libanon mit der dortigen Hez’b Allah trainieren und kämpfen.
Ganczarski nahm das Angebot für einen Studienaufenthalt an und ging mit seiner Familie nach Medina. Einen Schul- oder Ausbildungsabschluss erlangte er dort aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nicht und musste 1994 mit seiner Familie Saudi-Arabien wieder verlassen, weil sein Stipendium eingestellt wurde. Gleichwohl war er in diesem Zeitraum zu einem Anhänger der al-Muwahiddun geworden, was seine Jihadisierung förderte.
In Deutschland führte ihn dann seine jihadistische Karriere von Kontakten in der Duisburger Al-Taqwa Moschee (u.a. mit Mounir El Motassadeq von der Hamburger Terrorzelle des 11.09.2001 und den al-Qā’ida Mitgliedern Karim Mehdi und Mouhamedou Ould Slahi) über den persönlichen Kontakt zu Usāma ibn Muhammad ibn Awad ibn Lādin bis zur Bekanntschaft mit Nizar ben Muhammad Nasr Nawar (Kampfname: Sayf = Schwert), dem Attentäter vom 11.04.2002 auf die Al-Ghriba Synagoge in Djerba, den er in Kandahar kennenlernte. Nawar rief kurz vor seinem Selbstmordanschlag neben Khalid Sheik Mohammed, dem damaligen Militärchef der al-Qā’ida, auch Ganczarski an, um sich von ihm seinen Segen für das Attentat erteilen zu lassen.
Zusammenfassung:
Christian Manfred Ganczarski jihadisierte sich in einem langwierigen Prozess, der in einem Gesamtzusammenhang gesehen die verästelten Netzwerkstrukturen des taktischen und militanten Islamismus in Deutschland verdeutlicht, die oft zusammenlaufen, auch wenn sich die Mittel beider Ausprägungen zur Zielerreichung unterscheiden.
Insbesondere die Da’wa Aktivitäten aus Saudi Arabien fördern trotz immer kurzfristig verlaufender Jihadisierungsprozesse heutiger „Europa Afghanen“ und „urbaner Jihadisten“ durch die digitalisierte salafitische „Cyber Umma“ bei psychisch instabilen und sich in Lebenskrisen befindlichen jungen Muslimen und Konvertiten die Empfänglichkeit für die Lehren der al-Muwahiddun, die emphatisch den Ǧihād predigen. Durch hohe finanzielle Investitionen und der Entsendung saudischer Imame hat sich diese Religionsauslegung seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in einem Gürtel von Tschetschenien bis nach Bosnien und dem Kosovo etabliert und stellt damit in der globalen Gefährdungslage weiterhin ein nicht zu vernachlässigendes Gefährdungspotential dar.
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