„Die Dinge fallen auseinander. Die Mitte hält nicht mehr.“
[William Butler Yeats]
Herr Dr. Tartsch, was sind die Intentionen für Ihr neu erschienenes Buch, Ǧihād aṣ-saġīr, Legitimation und Kampfdoktrinen?
Mein neues Buch besitzt zwei Intentionen. Zum einen bietet es eine verständlich geschriebene Einführung in grundlegende sunnitische Lehren des Jihad und des islamischen Kriegs- und Fremdenrechts (Siyar), die sich seit dem 7. Jahrhundert entwickelt haben und auch heute noch vom virulenten Jihadismus befolgt und ausgeübt werden. Diese Lehren sind selbst den meisten Muslimen unbekannt. Zum anderen empfehle ich einen Strategiewechsel im Rahmen von Counterinsurgency für die Auslandseinsätze der Bundeswehr, da man derzeit in Afghanistan verfolgen kann, wie man solche Einsätze nicht führt.
An welchen Thesen oder Fachleuten orientieren Sie sich?
Dabei folge ich primär Prof. Dr. Tilman Nagel, der nicht nur der international renommierteste deutsche Arabist ist, sondern gleichzeitig für eine Generation von Orientalisten und Islamwissenschaftlern, wie Dr. Rainer Glagow, Dr. Gerd-Rüdiger Puin, Prof. Dr. Ursula Spuler-Stegemann und viele mehr, steht, die noch in der Lage waren, intensives Quellenstudium zu betreiben, was man von den meisten anderen Orientalisten und Islamwissenschaftlern nicht behaupten kann. Islamwissenschaftler wie Frau Prof. Dr. Christine Schirrmacher stellen somit eine seltene Ausnahme dar. Vielmehr folgen heute die Majorität der Orientalisten und Islamwissenschaftler einem romantizistischen Islambild als Synthese aus ḥammām (Dampfbad) und ḥarām (Harem), womit sie selbst Teil des Problems geworden sind, anstatt zur Problemlösung beizutragen. Das gilt für die Sozialwissenschaft in ihrem Arbeitsbereich der Migrations- und Integrationsforschung ebenso. Aus diesem Grund grenze ich mich explizit von der Mehrheit der heutigen Sozialwissenschaftler ab, die nicht mehr ihrer Aufgabe nachkommen, die Welt zu entzaubern und erklärbar zu machen, sondern sich lieber in Bereichen, wie dem idyllischen Multikulturalismus, dem bisher staatlich subventionierten Kampf gegen alles, was nicht mindestens linksradikal ist, und Gender Studies profilieren wollen.
Zum anderen folge ich im militärischen Bereich der rein an der Effizienz orientierten Sichtweise des israelischen Militärhistorikers Martin van Creveld, da die bisherigen ermüdenden moralinsauren Debatten über den Kriegseinsatz in Afghanistan jede Strategieänderung verhindert haben, womit sich der Einsatz für den Westen insgesamt in einen physischen, psychischen und die Staatshaushalte belastenden Abnutzungskrieg gewandelt hat, dessen Ausgang derzeit nicht zu prognostizieren ist. Dabei verdienen die eingesetzten Bundeswehrsoldaten nicht nur die moralische Unterstützung der Bevölkerung, sondern auch uneingeschränkte Rückendeckung von der politischen und militärischen Führung.
Warum ist der Jihad as-sagir gegenwartsrelevant und eine latente Gefahr für die Demokratie?
Es soll verdeutlicht werden, wie sich die religiöse- rechtliche Legitimation des gewaltsamen Jihad as-sagir (kleiner Jihad) seit dem 7. Jahrhundert entwickelt hat und wie die Kampfdoktrinen auch heute noch vom virulenten international und regional ausgerichteten Jihadismus angewendet und weiterentwickelt werden, da der Jihadgedanke seit über 1.400 Jahren eine Konstante der islamischen Historie darstellt, der Nichtmuslime und Muslime gleichermaßen bedroht. Auch wen der im Dialog immer angeführte gewaltlose Jihad al-akbar (großer Jihad) seine Berechtigung besitzt, war der Jihad as-sagir immer die bestimmende Form des Jihad in der islamischen Historie.
Auf welchen Grundlagen basiert Ihre Sicht und Definition des Jihad as-sagir?
Hierbei beziehe ich mich neben historischer Texte islamischer Gelehrter unter anderem auf die klassische Jihadliteratur von Sayyid Qutb, Abdessalam Faraj und Abdullāh Yūsuf ’Azzām und Texte aus der digitalisierten und sich internationalisierenden jihadistischen Cyber Umma, die ich nicht wie bei Kepel/Milelli oder Lohlker wissenschaftlich aufbereitet vorstelle, sondern bewusst mit allen Rechtschreib- und Zeichenfehlern so zitierte, wie seit Jahren hier in Deutschland im Umlauf sind oder im Internet veröffentlicht werden, um die Authentizität zu wahren. Deutschland ist bezüglich der Kenntnis der Jihadlehren, und den daraus erwachsenden Kampfdoktrinen von der Islamwissenschaft, über die Sicherheitsbehörden, bis zu den Streitkräften, ein Entwicklungsland, da man etwa nicht nur den Koran und die Prophetenbiografie, sondern auch die Ahadithsammlungen der Prophetentradition (Sunna) lesen sollte, wo in der Regel in deutschen Übersetzungen der jeweiligen Sammlung das Buch über den Jihad fehlt. Aus diesem Grund habe ich eine Auswahl entsprechender Ahadith in meinem Buch angeführt, wobei mir während meiner Arbeit der Zugriff auf einschlägige deutschsprachige islamische Webseiten gesperrt wurde, womit ich auf englischsprachige Seiten zurückgreifen musste, die aber in der Regel auch umfangreicher und detaillierter ausfallen.
Warum ist die westliche Welt gegenüber den Gefahren des permanent existenten Jihad so blind und unvorbereitet, und welche Rückschlüsse lassen sich aus den Ereignissen des 11. September 2001 ziehen?
Auch andere Länder haben die Gefahr durch den Jihadismus viel zu lange nicht ernst genommen. So war Daniel Pipes einer der wenigen, der schon 1995 vor der Kriegserklärung des „militanten Islam“ an Europa und die Vereinigten Staaten gewarnt hatte. Der 11. September 2001 hat den Westen vollkommen unerwartet getroffen, obwohl man seit dem zweiten Golfkrieg die sich anbahnende Gefährdung durch den Afghanistanveteranen Usāma Ibn Lādin hätte erkennen können, bevor er nach dem zweiten Golfkrieg von Saudi Arabien über den Sudan wieder nach Afghanistan ging, wo er 1998 zusammen mit Aiman aẓ-Ẓawāhirī den Grundstein für das Terrornetzwerk al-qā’ida legte. Es hat sich bitter gerächt, dass man 1989 Afghanistan seinem Schicksal überlassen hat, nachdem die muǧāhidīn die sowjetischen Truppen, durch das Brechen der Lufthoheit durch von Amerika gelieferte Stinger Flugabwehrraketen, besiegen konnten. Der amerikanische Politikwissenschaftler Chalmers Johnson hat das „Blowback“ genannt, womit er die unbeabsichtigten Folgen politischer Maßnahmen gemeint hatte, die vor der Öffentlichkeit geheim gehalten wurden. Den 11. September 2001 kann man als „Rückstoß“ der früheren Unterstützung der muǧāhidīn bis 1989 und das Fallen lassen von Afghanistan nach 1989 charakterisieren, da man sich anscheinend keine Vorstellungen gemacht hat, welche Folgen dieser Sieg, im Zusammenhang mit dem Ende des Kalten Krieges, für die zukünftige globale Sicherheitslage haben würde. Denn 1989 ist nicht das auch von Fukuyama so nicht mehr vertretene „Ende der Geschichte“ eingetreten, sondern das Gegenteil: der schwindende Einfluss des westlichen Normen- und Wertesystems und der Verheißung der Marktwirtschaft, mit ihren Versprechungen von Demokratie und Wohlstand, vor der Folie neuer Konfliktherde, von denen die Bedrohung durch den Jihadismus nur eine von vielen darstellt, da der Jihadismus sowohl den inneren Jihad gegen die eigenen islamische Regierungen und den äußeren Jihad gegen den Westen und insbesondere Israel führt. Aber in einer globalisierten Sicherheitslage haben Entwicklungen in der islamischen Welt unmittelbare Auswirkungen auf den Westen, der immer mehr in die Defensive gerät. Auf der anderen Seite tragen auch die islamischen Länder eine ebenso große Schuld am virulenten Jihadismus, da sie die „Araber Afghanen“ nach 1989 nicht in die jeweilige Gesellschaft re-integriert haben, die dann zum Grundstock des globalen Jihadismus wurden. Man hätte Ibn Lādin frühzeitig eliminieren müssen. Das hat man unterlassen und muss nun mit den Folgen leben, da es nur noch um Eindämmung geht. Und nicht mehr um einen vollständigen Sieg über den Jihadismus, der sich lägst zu einer Bewegung entwickelt hat. So würde schon die Ergreifung oder Eliminierung von Ibn Lādin keinerlei Auswirkungen mehr auf das hybride und dezentral agierende Terrornetzwerk zeigen, welches sich verstärkt nach dem Prinzip des „Leaderless resistance“ organisiert.
Aus welchen Quellen speisen Sie ihre aktuellen Informationen?
Ich selbst informiere mich kaum noch aus deutschen Quellen, sondern bewege mich lieber fast jeden Tag in der jihadistischen Cyber Umma und nutze primär ausländische Quellen. Aus verständlichen Gründen werde ich mich hier nicht direkt über die bestehenden jihadistischen und anderen Netzwerke in Deutschland äußern, die man seit Jahren beobachtet, da sie hier täglich den gewaltsamen Jihad propagieren und vorbereiten oder den derzeit aus taktischen Gründen gewaltfreien Jihad ausüben. Als ein Ergebnis meiner Arbeit an meinem neuen Buch plädiere ich für einen breit gefassten Jihadbegriff, der etwa auch Da´wa als Jihad umfasst, da es hier auch um die Ausweitung islamischer Herrschaft und die Einführung shari’atischen Rechts geht, wobei Da´wa auch durch die Zakah (Läuterungsabgabe) finanziert werden kann (Sure 9, Vers 60).
Was halten Sie vom derzeitigen Dialog der Kulturen? Ist der Islam eine tolerante Religion, welche sich unserem westlichen Wertesystem und unserer Religionsfreiheit und -ausübung anpassen kann?
Es wird nirgendwo mehr gelogen als bei Jubiläen, Beerdigungen und im Dialog der Kulturen, der von einer Minderheit muslimischer „Dialogpartner“ beherrscht wird, während die Gegenseite sich zu Steigbügelhalter erniedrigt hat. Schon über die Übersetzung von „Islam gleich Frieden“ braucht man kein Wort verlieren. Aber auch eine Diskussion um die Bedeutungen „Unterwerfung“ oder „Ergebung in den Willen Allahs“, da man aufgrund der verschiedenen Gottesbilder im Christentum und Islam Allah nicht Gott nennen sollte, ist wenig hilfreich. Vielmehr muss man den Islam sowohl als individuelle spirituelle Gotteserfahrung als Religion, als auch eine von Allah selbst gestiftete und die ganze Lebenspraxis überformende Handlungsanleitung ansehen, die dem gläubigen Muslim die Entscheidung über die Folgen seiner Handlungen abnimmt, da die Ratio auf ein vom Koran und Sunna limitiertes Handlungsfeld beschränkt wird. Die Orthopraxis der Ritenausübung als Annäherung an die beste Gemeinschaft, die das Rechte gebietet und das Unrechte verbietet (Sure 3, Vers 110) wird damit zum einzigen Lebenszweck erhoben, was auch den Jihad umfasst, der eben nicht nur gewaltsam ausgeübt werden kann, wenn etwa Da’wa (Missionierung) eher zur Zielerreichung führt. Der gläubige Muslim selbst, der kritiklos und nichthinterfragbar die Ge- und Verbote der auf Koran und Sunna basierenden Shari’a als Annäherung an die medinensische Ur-Umma erfüllt, verdeutlicht die einzige von Allah dem Menschen zugedachte Daseinshaltung, indem er sein Gesicht unentwegt und in ewiger Dankbarkeit auf Allah ausrichtet (Sure 3, Vers 20 und Sure 30, Vers 30). Dieser beobachtet den Gläubigen jeden Augenblick seiner irdischen Existenz, was die als Thronvers bekannte Sure 2, Vers 255 explizit aussagt, da er alles in jedem Augenblick nach seinem Ratsschluss bestimmt. Damit erlangt nur der Anhänger der islamischen Religion ein Anrecht auf die Heilswirksamkeit und Heilsmächtigkeit, die durch die quasi Vergöttlichung des Propheten verdeutlicht wird, dessen Wirken als übergeschichtliche Wahrheit sich überall da einfügt, wo das kulturell-religiöse Langzeitgedächtnis aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft die Überlegenheit des Islam gegen andere Religionen propagiert, die nicht als gleichberechtigt gesehen werden. Diese Janusköpfigkeit des Islam als spirituelle Individualerfahrung und als total zu charakterisierende Handlungsanweisung wird im bisherigen „Dialog“ fast vollständig ausgeblendet.
Kann der Islam mit anderen Religionen und Ländern, wie beispielsweise Israel, im Dialog stehen und diese anerkennen?
Derjenige Muslim, der den Ruf zum Jihad annimmt und zum Jihadi wird, kann schon nach den einschlägigen Suren und Versen des Korans andere Religionen nicht als gleichberechtigt ansehen. So haben Poly- und Atheisten nach dem Schwertvers (Sure 9, Vers 5) nur die Wahl zwischen Konversion oder Jihad. Juden, Christen und andere „Buchbesitzer“ die Wahl zwischen Konversion, gegen Zahlung der jizya (Kopfsteuer) einen inferioren Status als ḏimmī (Schutzbefohlenen) neben der islamischen Gemeinschaft oder Jihad. So die als Kopfsteuervers bekannte Sure 9, Vers 29. Daran ändert auch das immer zitierte Satzfragment aus Sure 2, Vers 256 „keinen Zwang in der Religion“ nichts, da schon Sure 2, Vers 257 den Ungläubigen das ewige Höllenfeuer prophezeit. Hier ist kein westliches Verständnis der Religionsfreiheit „von“ und „zu“ einer Religion gemeint, sondern höchstens die Feststellung, man kann niemanden zur Annahme des Islam zwingen kann, was in der frühen Expansionsphase bis zur zweiten islamischen Dynastie der al-‘Abbāsīyūn Mitte des 8. Jahrhunderts auch nicht gewollt war, da die neue Religion rein arabisch bleiben sollte und es primär um Beute- und Sklavengewinnung ging. Wird die Herrschaft des Islam nicht anerkannt oder konvertiert, gelten die beiden angeführten Verse, wobei nach Meinung nicht weniger islamischer Gelehrter seit dem Mittelalter der Schwertvers alle „milden“ Aussagen gegen Juden und Christen aus der mekkanischen Schwächephase abrogiert hat. Sure 9, Vers 5 findet sich in einem großen Teil jihadistischer Veröffentlichungen als Legitimation zum Kampf gegen die Ungläubigen, was sowohl Nichtmuslime als auch Muslime meint, die mit den Zielen des Jihadismus nicht übereinstimmen. Durch den hohen Bodycount von Muslimen durch Anschläge des gewaltsamen Jihadismus verliert dieser an Zustimmung in der islamischen Welt, was aber nicht für den Jihad zur Vernichtung Israels durch Gruppen wie die lokal ausgerichtete HAMAS gilt, der vermehrt Zustimmung auch in den westlichen islamischen Diasporagemeinden findet.
Was legitimiert den heutigen Jihad und seine damit verbundenen Lebens- und Vorgehensweisen?
Insgesamt gesehen legitimieren sich die Veröffentlichungen des Jihadismus zu gut 90% mindestens durch die Zitierung einschlägiger Suren und Verse des Korans. Hinzu kommen die sich mit dem Jihad befassenden Ahadith der Sunna und Texte von den ’Ulama wie den Hanabli Reformer Ibn Taimīya (gest. 1328 n.Chr), den etwa Abdullāh Yūsuf ’Azzām ausführlich in seiner „Verteidigung der islamischen Länder als höchste persönliche Pflicht“ zitiert hat, um den Jihad in Afghanistan gegen die sowjetischen Truppen als fard al-ayn (individuelle und nicht delegierbare Pflicht für jeden Muslim islamisches Land durch den Jihad zu verteidigen oder zurückzuerobern) zu propagieren, womit global muǧāhidīn (die den Jihad ausüben) angeworben wurden. ’Azzām war einer der geistigen Wegbereiter für al-qā’ida und dessen global ausgerichteten Jihad, der als Verteidigunsjihad propagiert wurde und wird. Das ist nur eines von vielen Beispielen, die ich angeführt habe, die zeigen, wie der Jihadismus nicht die Religion missbraucht, sondern das ausübt, was in den Heiligen Quellen und in anderen Werken wie den Rechtsbüchern angemahnt und ausführlich beschrieben wird.
Was meinen wir tatsächlich, wenn wir von „Islam“ sprechen? Welche Rolle spielt er im privaten Leben des Gläubigen, wie auch auf staatlicher Ebene?
Wenn wir „von dem Islam“ oder „der Islam“ sprechen, meinen wir damit in globaler Perspektive eine Ausprägung der Religion durch eine vorher nicht gekannte Islamisierung bestehender und eroberter Gebiete bis ins 10 Jahrhundert, die auch heute noch propagiert wird und in der globalen Perspektive quantitativ die vorherrschende Religionsauslegung darstellt. Damit wird nicht nur das Leben des einzelnen Gläubigen, sondern auch der Staat total erfasst, womit es nicht um die persönliche spirituelle Erfahrung des einzelnen Gläubigen geht, sondern um einem aus dem Ritenvollzug sich ergebenden Regelanspruch, der nach shari’atischem Recht Din und Daula, Ritenausübung und weltlichen Staat umfasst. Die Umma wird nach traditioneller islamischer Vorstellung durch das von Allah den Menschen auferlegte Gesetz (Shari’a) errichtet und aufrechterhalten, welches diesen in Form von Koran und Sunna übergeben wurde. Damit besteht die einzige Daseinsberechtigung des islamischen Gemeinwesens in der Gewährleistung der Erfüllung der Ge- und Verbote als Annäherung an die medinensische Ur-Umma, wozu auch die Ausübung des Jihad zählt, was man nicht oft genug wiederholen kann.
Der gläubige Muslime fühlt sich seiner Umma, seiner Diaspora, seiner Shari’a - also seinem eigenen Gesellschafts- und Wertegefüge extrem zugehörig. Wieso schottet er sich deshalb von der westlichen Gesellschaft ab, und was hat das explizit mit dem Jihad zu tun?
Durch die Sakralisierung aller Lebensbereiche, die persönliche, soziale und politische Sphäre zu einer Monokratie nach dem Vorbild der Ur-Umma verklammert, wird im Inneren ein archaisch-paternalistisches Kontroll- und Ordnungssystem mittels vormoderner Glaubenssätze konserviert, welches in der Diaspora vermehrt zur sozialen Identitätsbildung und Bindung an tribale Vergemeinschaftungsformen führt, die die Bildung paralleler Strukturen neben und gegen die Aufnahmegesellschaft nach außen vorantreibt, was man auch als eine Form des Jihad charakterisieren kann. Solange sich diese Ausprägung nicht der rational-historisierenden Deutung bezüglich des Handelns des Propheten öffnet und elementare Stellen der Überlieferungen im Koran und Sunna, die zum gewaltsamen Jihad aufrufen, für eine Privatisierung, Rationalisierung und Individualisierung außer Kraft gesetzt werden, wird sie auch nicht zu integrieren sein. Denn nach dieser Ausprägung muss der Jihad gegen das Dār al-Harb (Haus des Krieges) bis zur endgültigen Einverleibung in das Dār al-Islām (Haus des Islam) oder bis zum jüngsten Tag ausgeübt werden. Denn nach klassisch-islamischen Rechtsdenken kann es keinen Friedensvertrag zwischen beiden Häusern geben, sondern nur einen zeitlich begrenzten Waffenstillstand (Hudna) aus strategischen Gründen, der jederzeit gebrochen werden kann, wenn sich etwa die militärische Unterlegenheit der Muslime in eine Überlegenheit wandelt.
Ist der Islam für gesellschaftliche, wirtschaftliche und (sozial-) politische Herausforderungen unserer heutigen Zeit modernisierbar, reformierbar?
Würde eine Reformierung erfolgen, müsste man sich fragen, ob es dann überhaupt noch „der Islam“ wäre. Oder etwas ganz anders, was ja auch für einen wie immer gearteten „Euro Islam“ gelten würde, da dieser nicht einfach durch eine Aufsplittung der Shari’a in den Bereich der Ritenausübung (al-'ibadat) und den Bereich der Rechtsbeziehungen (al-mu’āmalāt) entstehen würde, was schon Atatürk versucht hat durchzusetzen. Derzeit sollte man darauf keine großen Hoffnungen setzen, da keine Anzeichen für eine aus dem Inneren kommende Reformierung zu erkennen sind, die eine breite Massenwirkung erzielen könnte. Und das nicht nur wegen der nicht gegebenen Existenz einer übergeordneten religiösen Autorität, die für Sunniten und Schiiten sprechen könnte. Von den vielfältigen anderen islamischen Ausprägungen ganz zu schweigen, die oft von anderen Strömungen nicht anerkannt werden. Auch diese Frage mit ihren weitreichenden Folgen wird in Deutschland fast nicht thematisiert.
Europäische, aber auch deutsche, Städte verändern sich – es entwickeln sich Ghettos und ortsspezifische Merkmale muslimischer Kultur. Was ist der eigentliche Grund für jene soziale, religiöse und wirtschaftliche Abschottung?
Am besten kann man das vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung am Beispiel einzelner Stadtteile verdeutlichen. Während es in den letzten Jahrzehnten zu einer sektoralen sozialen Segregation kam, da der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft zu einer erhöhten Arbeitslosigkeit führte, kann man heute die Weiterentwicklung einzelner Stadtteile hin zu einer mehrkernigen ethnisch-religiösen Segregation beobachten, die sich immer mehr zu Vierteln der klassischen orientalischen Stadt entwickeln, wo Stadtteile nach ethnischen, religiösen Merkmalen und tribalen Verbindungen getrennt sind. Hier gilt vermehrt der Grundsatz „al-walā’ wal-barā’a.“ Gemeint ist damit, sich von allen Nichtmuslimen fernzuhalten und die Nähe von Muslimen zu suchen und diese im Notfall gegen Nichtmuslime zu unterstützen. Schon heute zeigt die Alltagsrealität in Stadtteilen wie Duisburg-Marxloh oder Städten wie Bergkamen die Zukunft von immer mehr urbanen Gegenden, wo archaisch-patriachalische und rigide religiöse Verhaltensweisen und normative Erwartungshaltungen den öffentlichen Raum dominieren. Und die Zahl dieser islamischen Submilieus mit eigener Werte- und Rechtsordnung wird in Zukunft stetig anwachsen, was langfristig das soziale Gefüge in Deutschland erodieren wird. Und das nicht nur, weil der Staat hier sein Monopol der legitimen physischen Gewaltsamkeit (Max Weber) kampflos aufgibt, womit rechtsfreie Räume entstehen.
Wo liegen die Wurzeln und Vorbilder der starken Gemeinschaft der Muslime?
Vorbild bleiben die Taten des Propheten seit der Hidschra 622 n.Chr. mit der sich nicht nur in der medinensischen Stärkephase die islamische Religion ausgebildet hat, sondern sich auch eine neuartige Glaubens- und Kampfgemeinschaft etablierte. Diese neuartige Vergemeinschaftungsform ersetzte die bisherigen tribalen und verwandtschaftlichen Loyalitäten durch den unbedingten Glauben und Einsatz an und für Allah, womit Rechten und Pflichten durch die Angehörigkeit zur sozialen Kategorie „Muslim sein“ determiniert wurden. Der Jihad selbst entwickelte sich aus den damals üblichen Raub- und Beutezügen der vorislamischen Beduinenstämmen seit 623 n.Chr., die neben der Entrichtung der Zakah als religiöse Grundpflicht einer der fünf Säulen des Islam der materiellen Versorgung der Gemeinschaft diente. Erst mit dem überraschenden Sieg der sich aus einem Karawanenüberfall entwickelnden Schlacht bei Badr 624 n.Chr., wo die Muslime den Mekkanern ca. 1:3 unterlegen waren, erhielt der Jihad als imperial-expansives Mittel der Ausbreitung islamischen Rechts und islamischen Herrschaftsgebietes seine ersten Konturen, deren Kampfdoktrinen durch die islamische Jurisprudenz ausgearbeitet wurden. Seinen Niederschlag fanden diese Ereignisse bei Badr in der 8. Sure, die wie der größte Teil des Korans eine Reflexion zu damaligen Ereignissen darstellt, womit man den Koran als historisches Dokument aus sich selbst heraus interpretieren muss, wobei es unerlässlich ist, auch andere Werke wie die Prophetenbiographie hinzuzuziehen. Heute pendelt das Bild des Propheten zwischen den Polen Vergöttlichung und Verdammung, was beides die Romantik der Gefühle anspricht, uns aber nicht weiterhilft, will man über eine mögliche Modernisierung der Religion diskutieren.
Kann man den Jihad mit dem Heiligen Krieg gleichsetzen?
Jihad selbst bedeutet eben nicht „Heiliger Krieg“, sondern ist nach islamischer Lehre die einzig erlaubte (auch gewaltsame) äußerste Anstrengung auf dem Weg Allahs zur Ausweitung islamischer Herrschaft und islamische Rechts, die nach einem Ausspruch des Propheten nach der Einnahme von Mekka 630 n.Chr. nur mit Niya (frommer Absicht) geführt werden soll. Hierbei soll der Jihad in der Regel durch den islamischen Herrscher geführt werden, während die Umma genügend Glaubenskämpfer bereitstellen muss, was als kollektive fard al-kifaya (Pflicht der genügenden Anzahl) bezeichnet wird, womit die Umma ihre Verpflichtung erfüllt. Ansonsten sind in der Regel Kriege der Muslime untereinander verboten, wobei dies nicht gilt, wenn der Krieg von Muslimen gegen Muslime geführt wird, die man in den Unglauben entlassen hat (Takfīr), was in der islamischen Historie eher die Regel als die Ausnahme darstellte. Das zeigen schon die Auseinandersetzungen um die Nachfolge des Propheten, die zur Schia in Sunniten, Schiiten und der Abspaltung der fanatischen Glaubenskämpfer der Ḫawāriǧ führte, die die erste islamische Reformbewegung darstellten und heute noch als Ibaditen und Mozabiten existieren, ohne noch Einfluss zu besitzen. Die meisten Problemlagen in der islamischen Welt besitzen ihren Ursprung nicht in den Kreuzzügen und dem Kolonialismus, sondern in historisch gewachsenen innerislamischen Auseinandersetzungen und der Unfähigkeit der islamischen Regierungen, diese lösen zu wollen. Mag das der kollektive Selbsthass in der westlichen Welt auch anders sehen, der die Minderwertigkeitskomplexe der islamischen Welt immer wieder bestärkt, die das ständige Beleidigt sein eines Teils der Muslime zu immer groteskeren Formen aufputscht, was bis zur Ermordung von islamkritischen Menschen wie Theo van Gogh und den versuchten Anschlag auf Kurt Westergaard im Dezember 2009 führen kann, wobei diese Taten auch als eine Form des Jihad anzusehen sind.
Die westliche Dichotomie Islam – Islamismus wird, nach genauem Hinterfragen und Verständnis für die historische Entwicklung des Islam und seine tatsächliche Deutung, demnach nur irreführend und irrelevant?
Man muss grundlegend eines klarstellen. Die westliche Dichotomie in einen Islam und einen die Religion missbrauchenden Islamismus bringt keinen Erkenntnisgewinn, um daraus Handlungsmaximen ableiten zu können. Es ist vielmehr eine westliche Projektion aus Unkenntnis, da schon das Wort „Fundamentalismus“ keine Entsprechung im Arabischen besitzt, womit man sich mit Lehnübersetzungen behilft, um überhaupt eine Definition an der Hand zu haben, da vielfältige Ausprägungen der Religion existieren, die sich im Innenverhältnis durch eine ausgeprägte Binnendifferenzierung auszeichnet. Ich nenne das den „Apfel-Birnenkuchen Schwindel“, da man den Menschen zwei Apfelkuchen mit der Aufschrift „Islam“ und „Islamismus“ präsentiert, wobei der Islamismus Apfelkuchen als Birnenkuchen deklariert wird, da etwa der gewaltsame Jihadismus nichts mit der Religion zu tun habe soll, was der Unwahrheit entspricht. Vielmehr gibt es nur einen großen Apfelkuchen, dessen einzelne Stücke islamische Ausprägungen darstellen. Versuchen sie einmal Usāma Ibn Lādin zu erklären, er wäre ein die Religion missbrauchender Islamist. Er würde Ihnen wohl seine Kalaschnikow an die Schläfe setzen, da auch er ein gläubiger Muslim ist, der einer bestimmten Auslegung der heiligen Quellen folgt, die man bis ins 7. Jahrhundert zurückverfolgen kann. Das muss man anerkennen, wenn man Ursachenforschung über den Zusammenhang zwischen der Religion und religiös-rechtlich legitimierter Gewalt betreiben will. Auch in einem Dialog, der seinen Namen verdient, muss erst das Trennende benannt werden, um dann einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, auf dem aufgebaut werden kann. Schon Platon hat sich hierzu treffend geäußert: „Also muss jemand, der einen anderen täuschen will, ohne dabei selbst getäuscht zu werden, die Ähnlichkeit der Dinge und ihre Unähnlichkeiten genau auseinanderhalten" .
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